Berufung auf krummen Wegen – für Gott und Kinder

Gerd Heydn im Gespräch mit Schwester Jordana

Sie sind gerade wieder Mutter geworden, zum sechsten Mal. Ein Full-Time-Job…

„Ja, ich bin 24 Stunden am Tag für die Kinder da und passe mich in meinem Lebensrhythmus ganz den Kindern an. Jetzt fahre ich mit allen Kindern für drei Wochen in Urlaub in ein Ferienhaus nach Schweden. Das Jüngste ist gerade erst Ende Juni geboren und mir direkt vom Jugendamt übergeben worden. Das Jugendamt übernimmt Lebenshaltungskosten nach vorgegebenen Sätzen pro Tag und Kind. Die Ältesten gehen zur Schule, sind acht Jahre alt, die Jüngeren noch in den Kindergarten. Die Kinder können maximal bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei mir bleiben. In diesem Frühjahr haben sich die Fünf taufen lassen – auf ihren Wunsch hin. Die Kinder sprechen mich mit meinem Namen an, wissen, dass ich nicht ihre leibliche Mutter bin.“

Kinderdorf-Mutter. Wie sind Sie dazu gekommen?

„Der Wunsch, eines Tages Kinderdorfmutter zu werden, reifte bei mir schon, als ich selbst noch ein Kind war. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch eine Berufung hat – etwas, was dem eigenen Leben einen Sinn gibt, etwas, das auf einen zu warten scheint, verborgen in einem selbst. Meine ersten Schritte in diese Richtung gingen über die Bewerbung für eine Lehrstelle als Kinderkrankenschwester an der Universitätsklinik Düsseldorf. Ich war 15, als unser Kaplan von Kindern sprach, die keine Familie hatten, keine Eltern, von Kindern, die niemand haben wollte, er sprach von Findelkindern. Augenblicklich stieg in mir der Wunsch auf: Ich wollte auch ein Kind finden. Ich wollte in einem Kinderdorf wohnen, unbedingt einen Beruf ausüben, der mit Kindern zu tun hat.“

Und das taten Sie dann auch…

„Nein. Ich hatte nach meinem Schulabschluss zwar eine dreijährige Ausbildung zur Kinderkrankenschwester mit Bravour bestanden, aber mit 20 wusste ich noch nicht, was ich eigentlich wollte. Meinen Traumberuf malte ich mir aus: irgendetwas mit Kindern und irgendetwas mit Gott. Das ließ sich damals aber nicht unter einen Hut bringen, so schien es mir jedenfalls. Da war noch so eine tiefe Sehnsucht in mir, Gott zu begegnen – von Angesicht zu Angesicht. Schnuppertage in einem Kloster in Münster machten mich wieder unsicher: Krankenschwester oder Klosterfrau. Ich war hin- und hergerissen. Eigentlicher Auslöser für meinen Klosterwunsch war allerdings schon viel früher meine Freundin Marie, die in Dänemark in ein Zisterzienserkloster eingetreten war.“

Und wie fiel Ihre Entscheidung letztlich aus…?

„Ich entschied mich für den Konvent in Dänemark, war 21 damals. Ich feierte eine große Abschiedsparty in Düsseldorf und verschenkte dabei alle meine Habseligkeiten an meine Freunde – einschließlich meiner ‚Ente‘. Bei jedem Stück wurde es mir leichter ums Herz. Endlich frei – frei für Gott. Aber in meiner Freiheit sah ich mich in Dänemark bald mehr und mehr eingeschränkt. Ich vermisste mein altes Leben, meine Freiheit, Verrücktheiten und Selbstverantwortung. Ich schluckte hinunter, was mir aufstieß. Immer öfter störten mich Dinge und beunruhigten mich in meinem klösterlichen Dasein. Entweder man wird verrückt oder der Geist wird leer – und Gott kann in diesen leeren Raum hineinfließen. Mit der Zeit spürte ich, dass ich mit Gott ins Gespräch kam.“

Was hatten Sie auszusetzen, was beunruhigte Sie?

„Ich litt unter einer Wiederbelebung mittelalterlicher Regeln und Rituale, einer Praxis, wie sie in Gefängnissen üblich war. Briefe nach Hause mussten der Oberin offen vor die Zimmertür gelegt werden. Jeden Freitag fand ein regelrechtes ‚Tribunal‘ statt mit schonungslosen Selbstanklagen – ein abartiger Wettbewerb mit geradezu masochistischen Zügen. Ich empfand kein Bedürfnis nach dieser Art Selbstquälerei und zog mich zurück und ins Gebet.“

Welche Konsequenzen zogen Sie für sich aus diesen Erfahrungen?

„Durch ein Praktikum in dem von Dominikanerinnen geführten Bethanien-Kinderdorf in Bergisch Gladbach kam ich dann mit 24 in eine vollkommen andere Welt. Nach meiner Rückkehr nach Dänemark erkannte ich sehr schnell: Hier bin ich falsch! Zwei Wochen vor meinem angedachten ewigen Profess verließ ich den Ort, wo ich zwar Gott gefunden, aber den Glauben an die Autorität verloren hatte. Der wichtigste Grund, warum ich meine Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben habe ist, dass ich Menschen ermutigen möchte, sich zu wehren, die in einer ähnlichen Situation leben wie ich damals – egal ob in der Kirche oder anderswo. Meine eigene Sicht war eingemauert in einer Welt voller Abhängigkeit, Angst und Nichtwahrhabenwollen. Es ist nur meiner Freiheitsliebe zu verdanken, dass ich letztlich doch den Schritt nach außen wagte. Ich habe diesen Leidensweg dreieinhalb Jahre ausgehalten. Aber es war auch eine Zeit, die mich stark gemacht hat.“

Was änderte sich für Sie durch den Übertritt zu den Dominikanerinnen in Bergisch Gladbach und später nach Schwalmtal-Waldniel?

„Ich war damals immer noch unterwegs zu mir selbst. Wichtig erschien mir, mich von meinen Schuldgefühlen zu befreien, die ich aus Dänemark mitgebracht hatte. Ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist, wie oft du fällst, viel wichtiger ist, wie oft du wieder aufgestanden bist. Was ich als Christin tun kann: etwas von der Liebe Gottes weitergeben. Wir sollten nicht die Schuld bei Gott suchen, wenn wir falsche Entscheidungen treffen und uns dann beschweren, dass Gott die Dinge zulässt, die daraus entstehen. Ich war nie eine stromlinienförmige Schwester, aber eine mit Feuer und Flamme.“

Und heute…?

„…fühle ich: Hier, in diesem Kinderdorf, bin ich zu Hause! Die Gewissheit ist in mir zurückgekehrt, dass ich zu Gott gehöre – zu keinem anderen. Ich wollte mehr Zeit mit ihm verbringen, mich noch tiefer auf ihn einlassen. Und es ist mir eine Herzensangelegenheit, Kindern eine Stärkung, eine Stimme, eine Sicherheit zu geben. Die Entscheidung, Kinderdorf-Mutter zu werden, war wieder Berufung gewesen, ein neues Stück des Weges zu mir selbst, mit vollkommen anderen Herausforderungen.“

Sie haben in Ihrem Buch auch nicht mit Kritik an der Kirche gespart.

„Ich habe gelernt, dass Veränderungen von innen heraus kommen müssen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages der Heilige Geist über unsere Patriarchen kommt und der ‚Wind of Change‘ die Kinder, vor allem die Mädchen von morgen ergreifen kann. Eine Schwester hat mir Mut gemacht, nicht mit allem einverstanden sein zu müssen, sondern Stellung zu beziehen. Und trotzdem dabei ‚Vereinsmitglied’ in der Kirche bleiben zu dürfen. Mutter Teresa hat einmal auf die Frage geantwortet, was sich denn in der Kirche ändern müsse: Sie und ich!“