Es ist vorbei – Du musst es nicht mehr tun

Gerd Heydn im Gespräch mit Alexandra Habbig

Zurück zu den Wurzeln. Nach 21 Jahren sind Sie mit Ihren Kindern aus Malaysia in Ihre alte Heimat zurückgekehrt. Was hat Sie dazu bewogen?

„Die Gründe für die Heimkehr nach Deutschland und auch der Zeitpunkt hängen tatsächlich unmittelbar mit den Bedürfnissen unserer Kinder zusammen, da wir nach all den Jahren nicht wirklich Fuß fassen konnten in Malaysia als Heimat. Wir sind trotz aller Liebenswürdigkeit der Menschen und ihrer Willkommenskultur immer Ausländer und außen vor in der eigentlichen Gesellschaft Malaysias geblieben. Eigene Ansichten, vielleicht sogar Kritik an Land und Leuten sind von Außenstehenden nicht erwünscht. Hinzu kamen Vorurteile gegenüber den Kindern als Adoptierte. Derartige Vorurteile sind schwerwiegender als hier in Deutschland. Außerdem sind unsere Kinder als Ausländer mit internationalen Kontakten durch Schule oder Freunde größtenteils Fremde im ‚eigenen‘ Land geblieben. Da haben wir uns entschieden, in Deutschland sesshaft zu werden, solange es für uns noch machbar ist. Ich selbst war einfach auch Malaysia-müde, wollte dort nicht sterben. Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr auch mit der Rückkehr meines Mannes klappt.“

Sie haben vier Kinder in Malaysia adoptiert…

„Ja, alle vier Kinder haben wir unmittelbar nach deren Geburt adoptiert. Alle vier haben ethnische indische beziehungsweise chinesisch-indische Wurzeln mit zunächst malaysischer Staatsangehörigkeit, nach Adoption deutsche. Lucas ist jetzt 21, Laura 20, Hannah 17 und Elisa 12. Die beiden Jüngsten gehen jetzt hier in Hochneukirch und Rheydt zur Schule. Schon als ich 16 war, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, dass es auf der Welt so viele Kinder ohne Eltern gibt. Also warum noch mehr Kinder in die Welt setzen…? Allerdings wollte ich später genau das. Gott hatte jedoch andere Pläne. Auf der beruflichen Zwischenstation meines Mannes in Nürnberg hatten wir einen ersten vergeblichen Antrag auf Adoption eines Kindes gestellt.“

Sie selbst haben auch eine bewegte Kindheit und Jugend hinter sich. War Ihr Glaube in  jener Zeit noch auf „Tauchstation“?  

„Meine Eltern  waren nicht religiös, keine Kirchgänger. Ich fühlte mich zuhause nicht verstanden, konnte mit meinen Eltern nicht über den Glauben sprechen. Zwischen meinem zwölften und 25. Lebensjahr habe ich permanent unter Essstörungen gelitten, zunächst unter Anorexie, Appetitmangel, und später Bulimie. Durch die Essstörungen war ich ein körperliches Wrack. In der Schule bin ich als Kind gemobbt worden, habe die Schule schließlich in der zehnten Klasse auf dem Gymnasium abgebrochen. In der Pubertät bin ich in die esoterische Ecke abgerutscht. Neben den Essstörungen kamen Albträume und Psychosen dazu. Ich war damals wirklich ziemlich durch den Wind und kaputt. Aber auch in meinen Albträumen habe ich zu Gott gebetet: Hilf mir! Ich habe immer geglaubt, da ist jemand.“

Aber trotzdem sind Sie nach Ihrer Hochzeit gemeinsam mit Ihrem Mann aus der Kirche ausgetreten. Warum? Und wie wurde der Umschwung in Ihrem Leben eingeleitet?

„Das waren – dumme – steuerliche Gründe. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt keine Ahnung von der Bibel, nur meinen kindlichen Glauben. Den Umschwung brachten Zeugen Jehovas, die 1991 in München eines Tages vor meiner Tür standen. Ich fühlte mich damals in München sehr isoliert, litt immer noch unter den Essstörungen, brauchte Menschen zum Sprechen. Die Zeugen Jehovas waren die ersten, die mir klar gemacht haben, was wirklich wichtig ist für unser Leben. Sie haben mir gesagt: ‚Du musst die Bibel lesen. Das ist Gottes Wort, da wirst du alles finden.‘ Und dann habe ich tatsächlich angefangen, die Bibel zu lesen. Bis heute habe ich es geschafft, die Bibel dreimal komplett zu lesen, Altes wie Neues Testament, komplett von vorne bis hinten. Und dann passierte es während des Bibellesens – eine Stimme sagte mir: ‘Es ist vorbei, du musst es nicht mehr tun.‘ Ich habe gedacht, das kann gar nicht sein. Aber es war vorbei mit meiner Essstörung.  Vom Tag an habe ich mich nicht mehr übergeben müssen. Trotzdem bin ich nicht den Zeugen Jehovas beigetreten. Mit ihrer Endzeit-Theorie konnte ich mich nicht anfreunden. Außerdem hätte ich das Rauchen aufgeben müssen.“

Und das ist Ihnen zu schwer gefallen?

„Ja, damals schon. Mein Mann und ich, wir waren beide sehr abhängig vom Rauchen. Davon sind wir erst in Malaysia nach vielen vergeblichen Versuchen losgekommen. Wir haben eines Abends auf dem Bett gesessen, uns an den Händen gehalten, und mein Mann hat gebetet: ‚Hier sind wir Vater vor Dir, hilf uns, Vater, befreie uns vom Rauchen. Nach diesem Gebet haben wir nicht mehr geraucht. Ich empfand das wie ein Wunder.“

Wie konnten Sie denn Ihren neu gewonnenen Glauben in Malaysia pflegen?

„Zwei Jahre nach unserem Umzug nach Kuala Lumpur haben wir 1996 Kontakt zu einer traditionellen amerikanischen Kirche bekommen. Die Frau des Pastors lud uns in ihre Gemeinde und gezielt in ihren Chor ein. Ich ging in einen Hauskreis nur für Frauen, lernte gemeinsam zu beten und mein Leben bewusst an Jesus abzugeben. Ich wusste bis zu jenem Tag gar nicht, dass man das kann. Eine Filipina in diesem Hauskreis hat mich regelrecht aufgeweckt. Diese Frau stand für meinen Wendepunkt im Leben. Mit dieser Frau habe ich auch für ein Kind gebetet. Ein halbes Jahr später erhielt ich den Anruf, dass ein neugeborenes Kind zur Adoption freigegeben worden ist. 1996 sind wir der amerikanischen St. Andrews Kirche beigetreten, 1998 habe ich mich mit 34 Jahren in einer internationalen Kirche noch einmal als Christin taufen lassen.“

Und jetzt schließt sich der Kreis für Sie in Kelzenberg?

„Ich hoffe es. Wenn es meinem Mann gelingt, sein berufliches Engagement in Malaysia zu lösen, wollen wir nächstes Jahr beide der Gemeinde in Kelzenberg beitreten. Falls nicht, kommt für mich und die Kinder ein erneuter Umzug nach Malaysia in Betracht. Zwei Haushalte in Odenkirchen und Kuala Lumpur – Tochter Laura studiert außerdem in London – würden bedeuten: Unsere finanzielle Rechnung geht auf Dauer nicht auf. Ende 2015 bin ich erstmals zum Gottesdienst nach Kelzenberg  gekommen und habe mich ziemlich unmittelbar danach einem Hauskreis angeschlossen. Dieses Jahr nehme ich außerdem am Glaubenskurs teil. Hier in Kelzenberg finde ich mich wieder und erkenne, mein Leben war und ist eine einzige Inszenierung von oben.“

Vom Banker zum Diakon Geh deinem Gott entgegen – bis zu dir selbst

Gerd Heydn im Gespräch mit Wilfried Elshoff

Vom Banker zum Diakon – das hat ja fast schon einen Hauch von Saulus, der zum Paulus wird. Ein krasser Umschwung in Ihrem Leben. Wie kam es dazu?

„Na, der Vergleich ist wohl ein wenig überzogen. Ein gläubiger Mensch war ich eigentlich von Kindes Beinen an, so auch in meinem Elternhaus katholisch erzogen. Ich glaube, ich war immer schon ein Suchender in meinem Leben. Und ich habe immer schon eine Glaubensverbundenheit, vielleicht auch einen besonderen Blick für das Seelenleben der Menschen in mir gespürt. Auch meine Eltern hätten für mich erkennen können, dass meine Liebe in den seelsorgerischen Bereich ging. Aber in einer Familie mit vier Kindern musste jeder Einzelne funktionieren. Der Einzelne zählte da nicht so sehr. Meine Familie ist damals mit dem Strom der Zeit geschwommen, Sicherheitsdenken war angesagt. Speziell bei der Berufswahl. Und in diesem Sinne hatte meine Mutter nach dem Abitur gesagt: Mach Banker! Sicherheit, Geld verdienen, etwas werden…“

Und so sind Sie dann in die ganz normale berufliche Laufbahn ‚hineingeschliddert‘, ohne es eigentlich wirklich zu wollen.

„Natürlich hätte ich mein Leben viel früher selbst in die Hand nehmen können. Das weiß ich heute. Aber ich bin in meinem Elternhaus nicht gerade zu einem selbstbewussten Menschen erzogen worden. Und so ein typischer Banker, wie man ihn ja kennt, war ich eigentlich auch nie. Stand für mich doch der Mensch auch als Banker immer im Mittelpunkt. Und trotzdem habe ich meinen Job – zumindest bis auf die letzten Jahre – gern gemacht. Eine schleichende Veränderung in meinem Berufsleben trat dann seit ca. 2005 ein, als sich die Arbeitsstrukturen hin zu einem Überbau an Controlling und dadurch auch das Arbeitsklima in unserer Bank veränderten. In der Endphase meiner Bank-Laufbahn fühlte ich fast täglich eine gewisse Ohnmacht und wusste nicht, wie ich den Arbeitstag hinter mich bringen sollte. Die Arbeit bestand zum damaligen Zeitpunkt zu rund 70 Prozent aus Administration und Systempflege. Dahinter stand, den Arbeitsplatz von Menschen austauschbar zu machen. Ich wollte aber als Mensch gefragt sein.“

Welche Rolle spielte Gott in dem schleichenden Prozess Ihrer Selbstfindung?

„Als ich immer stärker nach einer Lösung meines Problems suchte, wuchs mir auch mehr und mehr der Glaube als bewegende Kraft zu. Mein Glaube war über die Jahre ziemlich verflacht gewesen, der Kirche stand ich eher fern gegenüber. Eine schnelle Veränderung durch Gott verspürte ich nicht, obwohl ich mich doch intensiv im Gebet mit Gott befand. Die trat erst 2009 durch den Tod meines Schwagers mit 52 Jahren ein. Mein Schwager war konfessionslos, und daher sollte es für ihn auch keinen Priester zur Beerdigung geben. Das fand ich absolut würdelos. „Dann mach ich das!“, entschied ich in dieser Situation kurz entschlossen. Und bei der Beerdigungsfeier wurde mir schlagartig bewusst: „Das ist meine Berufung! Es fühlt sich richtig an. Ich war plötzlich ganz bei mir – und ich wusste: ich werde Diakon! Seelsorge ist der Grund, warum ich Diakon werden will. Aber ich wusste zu jenem Zeitpunkt gar nicht, was für Aufgaben ein Diakon überhaupt hat, geschweige denn, was er vorab alles lernen muss. Aber das war in dem Moment auch nicht wichtig für mich.“

Wie haben Sie dann Ihren Weg in diesen neuen beruflichen Lebensabschnitt eingeschlagen, Ihre eigentliche Berufung in die Tat umgesetzt?

„Mein Entschluss ist dann ein paar Monate gereift. Ende 2010 habe ich bei meiner Bank gekündigt, ohne Sicherheit für meinen neuen Lebensabschnitt. Wie ich erfahren musste, kann man Diakon eigentlich nur bis zum 50. Lebensjahr werden und muss neben der Ausbildung noch einen Zivilberuf ausüben. Diakon mit Zivilberuf ist das Berufsbild eben. Ich aber war schon im 51. Lebensjahr und hatte keinen Zivilberuf mehr. Also schrieb ich kurzentschlossen und frohen Mutes einen Brief an den damaligen Aachener Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, in dem ich meine Begeisterung und Freude für den seelsorglichen Dienst an den Menschen zum Ausdruck gebracht habe. Der Bischof antwortete dann auch sehr freundlich in einem persönlichen Brief, in dem er mich willkommen hieß ‚im Klub der Diakon-Anwärter bei so viel Begeisterung‘. Der Startschuss in mein neues Leben!“

Aber einen neuen Zivilberuf haben Sie nicht zusätzlich angenommen, oder kann man als Diakon auch seinen Lebensunterhalt verdienen?

„Nein, als Diakon mit Zivilberuf ist man im Bistum Aachen finanziell auf seinen Hauptberuf angewiesen. Ich erhalte für meine Tätigkeit eine kleine Unkostenpauschale. Aber finanziell hat sich schon vorab, aber auch durch entsprechende Abfindung der Commerzbank alles so gefügt, dass es passt. Daneben ist meine Frau Annette als Sekretärin beim Jüchener Bürgermeister Harald Zillekens tätig. Meine Frau ist mit einer ihr eigenen Selbstverständlichkeit ein gottgläubiger Mensch. Sie hat meine Entscheidung voll mitgetragen, also auch den Gehaltverzicht. ‚Wenn ich Dein Strahlen im Gesicht sehe, wenn Du über den Diakon sprichst, kann ich doch gar nicht anders als Deine Entscheidung mit zu tragen!‘ Diakon sein ist meine neue Aufgabe, mein Kind sozusagen. Ich möchte das jetzt auch leben, was ich predige. Ich versuche zumindest dem nahe zu kommen. Und wenn unser neuer Bischof Dr. Helmut Dieser den Diakonberuf wieder hin zur Hauptberuflichkeit öffnet, würde ich mich sehr freuen, mit ganzer Seele und all‘ meiner Zeit, also hauptberuflich mein Diakonenamt ausüben zu können. Bis heute hat Gott alles so gefügt, dass es für mich passt. Und es ist gut so!“

Ihre Visitenkarte ziert ein Spruch von Bernhard von Clairvaux, im 12. Jahrhundert Gründer einer Zisterzienser Abtei in Clairvaux/Frankreich: ‚Geh Deinem Gott entgegen bis zu Dir selbst!‘ Was bedeutet dieser Satz für Sie?

„Der sagt mir: Je mehr ich bei mir bin, je näher bin ich bei Gott. Ich nehme die neue Herausforderung an, bin in meinem neuen Leben als Diakon angekommen, mit all‘ meinen Unzulänglichkeiten. Jeder Mensch hat seine Macken. Die Berufung ist zu meinem Lebensinhalt und zu einer neuen Kraft geworden. Hier finde ich auch die Anerkennung, die vielleicht früher in meinem Elternhaus hier und da zu kurz gekommen ist. Heute bin ich wieder als Mensch gefragt, dafür bin ich Gott so dankbar! Als Diakon begegne ich Menschen hautnah beim ‚Bibel teilen‘, bei den Vorbereitungsgesprächen sowie anschließenden Taufen, Hochzeiten, aber auch Beerdigungen, in der Altenseelsorge und auch durch Predigten in diversen Gottesdiensten.“

Ihren Abschied als Bankkaufmann haben Sie nie bereut?

„Nein, ganz im Gegenteil. Zwei Jahre nach meiner Kündigung bei der Bank habe ich meinen ehemaligen Chef wiedergetroffen, der mir das Leben in meinen letzten Banker-Jahren nicht gerade einfach gemacht hat. Den Anlass habe ich genutzt, um mich ausdrücklich bei ihm zu bedanken, dass er eben genau so war, wie er damals in der Endphase zu mir war. Denn sonst hätte ich mir den Ausstieg vielleicht gar nicht zugetraut. Er hat meine Worte in meinem Sinne wohl verstanden, ohne dass es weiterer Erklärungen bedurft hätte. In meinem Leben habe ich eben gelernt, aus den negativen Verhaltensweisen oder Aussagen anderer Menschen die richtigen und positiven Schlüsse für mein Leben zu ziehen. Mein alter Chef hat mich also gestärkt auf meinem Weg.“

Ihre Vorstellung für Ihre persönliche Zukunft als Diakon?

„Für mich ist es wichtig, als Gesprächspartner in persönlichen Glaubensfragen und als überzeugendes Mitglied der katholischen Kirche wahrgenommen zu werden, für Menschen in Krisensituationen da zu sein und den Glauben als Hilfestellung und Kraftquelle für die Menschen zu vermitteln. Die Wurzeln für unseren Glauben liegen in der Bibel. Das haben wir Katholiken ein wenig aus den Augen verloren. Und mit Bezug auf die Bibel als Quelle unserer Geisteskraft müssen wir meines Erachtens neue Wege für die katholische Kirche finden. Die Zukunft wird vielmehr in kleinen christlichen Gemeinschaften in der Nachbarschaft liegen – mehr als in der großen traditionellen Kirchengemeinde. Wir müssen neue Netzwerke bilden, zum Beispiel in Form von einzelnen Bibelgesprächsgruppen, die sich über die herkömmliche Pfarrgemeindestruktur förmlich wie ein Netz verteilen. Unsere evangelischen Freunde in Kelzenberg sind da schon ein ganzes Stück weiter! Und Spiritualität und Seelsorge gehören für mich unbedingt zusammen. Spiritualität ist wichtig: Gott ist und bleibt Geheimnis. Gott ist die Kraft, die Chance für unser Leben. Gott ist nicht fassbar. Er bleibt ein Rätsel, ein Mysterium. Er entzieht sich unserer Verfügbarkeit. Das Geheimnis ist das, was Gott in seiner Weisheit ausmacht. In meinen persönlichen Krisensituationen war Jesus auf Anhieb auch nicht erkennbar für mich. Aber im Nachhinein, aus heutiger Sicht weiß ich, Jesus hat mich ganz konkret auf meinem Weg geführt. Heute erkenne ich das. Und ich spüre es mit einer großen Dankbarkeit!“

Berufung auf krummen Wegen – für Gott und Kinder

Gerd Heydn im Gespräch mit Schwester Jordana

Sie sind gerade wieder Mutter geworden, zum sechsten Mal. Ein Full-Time-Job…

„Ja, ich bin 24 Stunden am Tag für die Kinder da und passe mich in meinem Lebensrhythmus ganz den Kindern an. Jetzt fahre ich mit allen Kindern für drei Wochen in Urlaub in ein Ferienhaus nach Schweden. Das Jüngste ist gerade erst Ende Juni geboren und mir direkt vom Jugendamt übergeben worden. Das Jugendamt übernimmt Lebenshaltungskosten nach vorgegebenen Sätzen pro Tag und Kind. Die Ältesten gehen zur Schule, sind acht Jahre alt, die Jüngeren noch in den Kindergarten. Die Kinder können maximal bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei mir bleiben. In diesem Frühjahr haben sich die Fünf taufen lassen – auf ihren Wunsch hin. Die Kinder sprechen mich mit meinem Namen an, wissen, dass ich nicht ihre leibliche Mutter bin.“

Kinderdorf-Mutter. Wie sind Sie dazu gekommen?

„Der Wunsch, eines Tages Kinderdorfmutter zu werden, reifte bei mir schon, als ich selbst noch ein Kind war. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch eine Berufung hat – etwas, was dem eigenen Leben einen Sinn gibt, etwas, das auf einen zu warten scheint, verborgen in einem selbst. Meine ersten Schritte in diese Richtung gingen über die Bewerbung für eine Lehrstelle als Kinderkrankenschwester an der Universitätsklinik Düsseldorf. Ich war 15, als unser Kaplan von Kindern sprach, die keine Familie hatten, keine Eltern, von Kindern, die niemand haben wollte, er sprach von Findelkindern. Augenblicklich stieg in mir der Wunsch auf: Ich wollte auch ein Kind finden. Ich wollte in einem Kinderdorf wohnen, unbedingt einen Beruf ausüben, der mit Kindern zu tun hat.“

Und das taten Sie dann auch…

„Nein. Ich hatte nach meinem Schulabschluss zwar eine dreijährige Ausbildung zur Kinderkrankenschwester mit Bravour bestanden, aber mit 20 wusste ich noch nicht, was ich eigentlich wollte. Meinen Traumberuf malte ich mir aus: irgendetwas mit Kindern und irgendetwas mit Gott. Das ließ sich damals aber nicht unter einen Hut bringen, so schien es mir jedenfalls. Da war noch so eine tiefe Sehnsucht in mir, Gott zu begegnen – von Angesicht zu Angesicht. Schnuppertage in einem Kloster in Münster machten mich wieder unsicher: Krankenschwester oder Klosterfrau. Ich war hin- und hergerissen. Eigentlicher Auslöser für meinen Klosterwunsch war allerdings schon viel früher meine Freundin Marie, die in Dänemark in ein Zisterzienserkloster eingetreten war.“

Und wie fiel Ihre Entscheidung letztlich aus…?

„Ich entschied mich für den Konvent in Dänemark, war 21 damals. Ich feierte eine große Abschiedsparty in Düsseldorf und verschenkte dabei alle meine Habseligkeiten an meine Freunde – einschließlich meiner ‚Ente‘. Bei jedem Stück wurde es mir leichter ums Herz. Endlich frei – frei für Gott. Aber in meiner Freiheit sah ich mich in Dänemark bald mehr und mehr eingeschränkt. Ich vermisste mein altes Leben, meine Freiheit, Verrücktheiten und Selbstverantwortung. Ich schluckte hinunter, was mir aufstieß. Immer öfter störten mich Dinge und beunruhigten mich in meinem klösterlichen Dasein. Entweder man wird verrückt oder der Geist wird leer – und Gott kann in diesen leeren Raum hineinfließen. Mit der Zeit spürte ich, dass ich mit Gott ins Gespräch kam.“

Was hatten Sie auszusetzen, was beunruhigte Sie?

„Ich litt unter einer Wiederbelebung mittelalterlicher Regeln und Rituale, einer Praxis, wie sie in Gefängnissen üblich war. Briefe nach Hause mussten der Oberin offen vor die Zimmertür gelegt werden. Jeden Freitag fand ein regelrechtes ‚Tribunal‘ statt mit schonungslosen Selbstanklagen – ein abartiger Wettbewerb mit geradezu masochistischen Zügen. Ich empfand kein Bedürfnis nach dieser Art Selbstquälerei und zog mich zurück und ins Gebet.“

Welche Konsequenzen zogen Sie für sich aus diesen Erfahrungen?

„Durch ein Praktikum in dem von Dominikanerinnen geführten Bethanien-Kinderdorf in Bergisch Gladbach kam ich dann mit 24 in eine vollkommen andere Welt. Nach meiner Rückkehr nach Dänemark erkannte ich sehr schnell: Hier bin ich falsch! Zwei Wochen vor meinem angedachten ewigen Profess verließ ich den Ort, wo ich zwar Gott gefunden, aber den Glauben an die Autorität verloren hatte. Der wichtigste Grund, warum ich meine Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben habe ist, dass ich Menschen ermutigen möchte, sich zu wehren, die in einer ähnlichen Situation leben wie ich damals – egal ob in der Kirche oder anderswo. Meine eigene Sicht war eingemauert in einer Welt voller Abhängigkeit, Angst und Nichtwahrhabenwollen. Es ist nur meiner Freiheitsliebe zu verdanken, dass ich letztlich doch den Schritt nach außen wagte. Ich habe diesen Leidensweg dreieinhalb Jahre ausgehalten. Aber es war auch eine Zeit, die mich stark gemacht hat.“

Was änderte sich für Sie durch den Übertritt zu den Dominikanerinnen in Bergisch Gladbach und später nach Schwalmtal-Waldniel?

„Ich war damals immer noch unterwegs zu mir selbst. Wichtig erschien mir, mich von meinen Schuldgefühlen zu befreien, die ich aus Dänemark mitgebracht hatte. Ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist, wie oft du fällst, viel wichtiger ist, wie oft du wieder aufgestanden bist. Was ich als Christin tun kann: etwas von der Liebe Gottes weitergeben. Wir sollten nicht die Schuld bei Gott suchen, wenn wir falsche Entscheidungen treffen und uns dann beschweren, dass Gott die Dinge zulässt, die daraus entstehen. Ich war nie eine stromlinienförmige Schwester, aber eine mit Feuer und Flamme.“

Und heute…?

„…fühle ich: Hier, in diesem Kinderdorf, bin ich zu Hause! Die Gewissheit ist in mir zurückgekehrt, dass ich zu Gott gehöre – zu keinem anderen. Ich wollte mehr Zeit mit ihm verbringen, mich noch tiefer auf ihn einlassen. Und es ist mir eine Herzensangelegenheit, Kindern eine Stärkung, eine Stimme, eine Sicherheit zu geben. Die Entscheidung, Kinderdorf-Mutter zu werden, war wieder Berufung gewesen, ein neues Stück des Weges zu mir selbst, mit vollkommen anderen Herausforderungen.“

Sie haben in Ihrem Buch auch nicht mit Kritik an der Kirche gespart.

„Ich habe gelernt, dass Veränderungen von innen heraus kommen müssen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages der Heilige Geist über unsere Patriarchen kommt und der ‚Wind of Change‘ die Kinder, vor allem die Mädchen von morgen ergreifen kann. Eine Schwester hat mir Mut gemacht, nicht mit allem einverstanden sein zu müssen, sondern Stellung zu beziehen. Und trotzdem dabei ‚Vereinsmitglied’ in der Kirche bleiben zu dürfen. Mutter Teresa hat einmal auf die Frage geantwortet, was sich denn in der Kirche ändern müsse: Sie und ich!“

Da sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen

Gerd Heydn im Gespräch mit Edmund Wiens

Zu Open Doors, seiner Entwicklung und Geschichte… 

„Open Doors ist ein überkonfessionelles Hilfswerk für verfolgte Christen in aller Welt. Die Gründung geht auf die Initiative eines einzelnen Mannes vor über 60 Jahren zurück. Der Holländer Anne van der Bijl, später als Bruder Andrew bekannt, startete 1955 erstmals mit seinem VW-Käfer und ein paar Bibeln, sorgsam in seinem Gepäck versteckt, hinter den ‚Eisernen Vorhang‘. ‚Der Schmuggler Gottes‘, so auch der Titel eines seiner Bücher, wollte Christen in einem christenfeindlichen Umfeld ermutigen, an ihrem Glauben festzuhalten. Darin sah er seine Berufung. Bruder Andrew riskierte dabei sein Leben für Gott und die Menschen, denen er die ‚Gute Nachricht‘ bringen wollte. Heute gibt es die Einrichtung von ‚Open Doors‘ in 70 Ländern mit ca. 1000 Mitarbeitern. Deutschland-Sitz für den gemeinnützigen Verein ist Kelkheim mit rund 70 Mitarbeitern. Das christliche Hilfswerk wird von Spenden aller Kirchen unterstützt.“

Wie christenfeindlich stellt sich die Situation denn aktuell für gläubige Christen in unserer Welt dar?  

„Nach der jüngsten Erhebung sind mehr als 200 Millionen Christen weltweit einem hohen Maß an Verfolgung ausgesetzt. Dabei sind die verfolgten Christen jener Länder gemeint, die Open Doors in dem jährlich veröffentlichten Weltverfolgungsindex als die 50 schlimmsten Christenverfolger-Staaten auflistet. An der Spitze dieser unrühmlichen Rangliste steht Nordkorea vor Somalia und Afghanistan. Dahinter folgen Pakistan, Sudan, Syrien, Irak und Iran. Weltweit erleiden noch viel mehr Christen Verfolgung und Diskriminierung. Christenverfolgung ist also nicht nur in der Antike zu finden, sondern leider auch heute. ‚Da sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen‘, sagt Jesus über den Hass der Welt, der sich gegen Christen richtet.“

Wie konkret will und kann Open Doors Verfolgten in deren Heimatländern helfen?

„Open Doors will verfolgten Christen in aller Welt eine Stimme verleihen, Solidarität schaffen, eine Brücke schlagen zwischen der freien Welt und verfolgten Christen. Bruder Andrew hat einmal gesagt: ‚Ich wünsche mir, dass jeder verfolgte Christ einen Christen aus der freien Welt an seiner Seite hat, der für ihn betet.‘ Open Doors unterstützt weiterhin verfolgte Christen durch Verteilung von Bibeln und christlicher Literatur. Weitere Maßnahmen sind Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekte, Vergabe von Mikrokrediten, in islamischen Staaten heute vermehrt das Angebot von Zufluchtshäusern, Trauma-Seelsorge, Gefangenen-Hilfe mit Ermutigungsbriefen und Rechtsbeistand, Gebetskampagnen und Nothilfe-Aktionen. Die Organisation führt die genannten Maßnahmen oder Aktionen immer in Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden im Land durch, oft auch mittels Partnerorganisationen.“

Die Wege, Bibeln mit einem VW-Käfer zu schmuggeln, gehören aber doch wohl der Vergangenheit an. Wie aufwendig sind die Maßnahmen von Open Doors, die angestrebten Ziele zu erreichen? 

„In den ersten Jahren der Arbeit von Bruder Andrew waren es vornehmlich die Staaten hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘, denen die Aufmerksamkeit von Open Doors galt. Etwa ab 1967 rückten islamische Staaten ins Blickfeld. Als organisatorisches Meisterstück kann man die Aktion bezeichnen, mit der Open Doors 1981 eine Million Bibeln nach China gebracht hat – die lagen geschützt in einem Unterwasser-Anhänger eines Schiffes. Die vorher beschriebenen Hilfsmaßnahmen wie Nothilfe, Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekte, sehr viele Schulungen in vielen Bereichen erfordern einen großen Einsatz aller beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Kirchengemeinden, die bei der Umsetzung der Hilfsmaßnahmen mitwirken.“

Wie sieht ihr Job bei Open Doors Deutschland aus?

„Ich besuche Gemeinden, stelle unsere Arbeit, unsere Anliegen vor und bitte um Gebete für verfolgte Christen. Dabei fließen die Erfahrungen mit ein, die unsere Mitarbeiter in aller Welt machen, wenn sie erzählen, wie und was Menschen beten, die Verfolgung überlebt haben, also ihre Prüfung überstanden haben. Das bringt mich persönlich in meinem Glauben, meinem Vertrauen immer weiter, hilft mir, weniger an materiellen Dingen festzuhalten, mehr an Gott abzugeben, dafür mehr in der Bibel zu lesen.“

Dann profitieren Sie selbst auch von Ihrem Job, der im Dienst für andere steht…?

„Ja, natürlich, aber es war schon ein Kindheitswunsch von mir, den geistlichen Weg einzuschlagen, Ich hatte mich mit meiner Taufe als 17-Jähriger für Jesus entschieden. Mir wurde bewusst, der Glaube ist entscheidend. Und den musste ich unbedingt haben! Ich brauche die Vergebung meiner Schuld, die Gewissheit des ewigen Lebens. Für mich war es eine regelrechte Befreiung, als ich zu dem Punkt gekommen bin: Jesus, ich will mit Dir leben, ich bin Dein Kind!“

Was wussten Sie denn über Christen-Verfolgung, bevor Sie Mitarbeiter bei Open Doors wurden?

„Berichte über Christen-Verfolgung habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen, waren für mich als Kind wirklich nichts Neues. Als Neunjähriger habe ich Bruder Andrews ‚Der Schmuggler Gottes‘ gelesen. In meinem Elternhaus lernte ich als Kind einen rumänischen Pfarrer kennen, der in seinem Heimatland 14 Jahre im Kerker gesessen hatte. Dieser Pfarrer hat ein Buch geschrieben ‚Gefoltert für Christus‘. Diese Geschichte vor Augen habe ich mich gefragt: Wie kann ich mich für solche Menschen einsetzen?“

Gottes Wege…

„…sind unfassbar, unberechenbar, viel größer, als wir sie uns vorstellen können, aber nie willkürlich. Gottes Wort ist das Fundament, auf das ich mich verlassen kann. Als tröstlich empfinde ich es, dass unser Leben hier auf Erden begrenzt ist, dass ich in der Ewigkeit mit Jesus zusammenleben werde. Aber die Zeit, die man hier auf Erden hat, sollte man bestmöglich nutzen. Das heißt, hier in der Welt von Jesus zu erzählen.“

Gerd Heydn

Paradies ist dort, wo der Gott der Liebe ist

Gerd Heydn im Gespräch mit Ursel Göttges

Sie sind noch mitten im Krieg geboren, Ihre Kindheit war überschattet von äußerster Armut, Hunger und Kälte. Konnte sich da überhaupt ein Pflänzchen christlichen Glaubens bei Ihnen entwickeln? 

Erste Erinnerungen habe ich schon an die Nachkriegszeit. Mein Vater war in Russland vermisst. Meine Mutter musste mich und meine sechs Jahre ältere Schwester allein durchbringen. Bei der Rückkehr von der Evakuierung aus Thüringen fanden wir unsere ehemalige Wohnung 1945 in Wuppertal mit unserem gesamten Inventar nach zweijähriger Abwesenheit besetzt vor. Die Wohnung war ordnungsgemäß an eine ausgebombte Familie vergeben worden. Wir standen im wahrsten Sinne des Wortes vor der Tür, hausten dann neun Monate in einer winzigen Kabine in einem Bunker. Natürlich haben wir Kinder gemerkt, dass unsere Mutter große Sorgen hatte. Ich habe aber heute noch vor Augen, dass meine Mutter täglich in der Bibel und im Losungsbuch gelesen hat. Diese Erinnerung hat sich tief bei mir eingeprägt.

Wie hat Ihre Mutter ihren Glauben denn auf Sie übertragen?

Sie hat ihren Glauben gelebt – uns vorgelebt. Gesprochen hat sie nie darüber. Aber ich habe gespürt, dass sie trotz aller Einschränkungen in unserem damaligen Leben immer wieder Kraft aus ihrem Glauben gezogen hat – für sich und für uns Kinder. Daran hat sie sich auch in schwerster Not geklammert. Abends ließ sie mich im Bett immer ein Gebet sprechen.

Wann fiel dann der erste ‚Lichtstrahl‘ auf Ihr junges Leben?

Das war 1948 noch vor meiner Einschulung. Vom Gesundheitsamt der Stadt Wuppertal bin ich wegen meiner Unterernährung für einen Kindertransport zu einem dreimonatigen Aufenthalt im Kanton Zürich ausgewählt worden. Meine Schweizer Gastfamilie ließ mich mein Heimweh ganz schnell vergessen und hat mich richtig aufgepäppelt. Es wurde die schönste Zeit in meiner gesamten Kindheit, für die ich heute noch dankbar bin, weil ich mit lieben Menschen bei guter Ernährung ein herrliches, freies Landleben genießen durfte. Mit der ältesten Tochter der Schweizer Familie habe ich heute noch Kontakt.

Wie hat sich dann Ihr Glaube im Kindesalter weiter entwickelt?

Nach der Einschulung ging ich sonntags in den Kindergottesdienst. Der sprach mein Innerstes an und wurde mir sehr bald wichtig in seinem gesamten Ablauf. Es entwickelte sich in mir ein starkes Vertrauen und eine Liebe zu dem Gott, der sich um mich und mein kleines Leben kümmerte und – mit dem ich reden konnte! 1949 fanden wir außerdem zur Landeskirchlichen Gemeinschaft mit der ihr angeschlossenen Jugendarbeit des EC, Entschiedene Christen. Dort fühlten wir uns wohl und angenommen. Man kümmerte sich um einander. Ich war früh berührt von Gottes Menschwerdung, von Jesu Leiden und Sterben für uns Menschen und seiner Liebe zu uns. Ich glaubte von ganzem Herzen und fühlte mich geborgen in dieser Liebe. Und ich entwickelte mich vom 1. Schuljahr an zu einer nicht zu bremsenden Leseratte, las später alles, was greifbar war – von Johanna Spyri und Karl May bis hin zu christlicher Lektüre für Erwachsene, zum Beispiel Bücher über Luther und Paul Gerhardt.

Und immer gehörten kirchliche Musik, die Lieder im Gottesdienst, Chöre unabdingbar zu ihrem Glauben…

Ja! Nach meiner Konfirmation habe ich bis zu meinem 25. Lebensjahr in Wuppertal im Chor gesungen. Wir nahmen verschiedene Dienste auch außerhalb unserer Gemeinschaft wahr, sangen in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Gottesdiensten und Evangelisationen. Nach meiner Heirat sang ich 27 Jahre in Rheydt und zuletzt auch in Kelzenberg im Chor. Die Lieder und ihre Texte empfand ich immer als wahren Schatz.

Haben Sie sich denn nie in Ihrem Glaubensleben Anfechtungen ausgesetzt gefühlt?

Doch, natürlich. Der Glaube musste wachsen, reifen, aber lag auch schon mal am Boden bei mir. Ich hatte mich auseinanderzusetzen mit Zweifeln, die mir selbst kamen, und kritischen Angriffen, die von außen an mich herangetragen wurden. Später begann ich, anerzogenes Denken und Verhalten zu hinterfragen, mich von Zwängen und Vorstellungen zu befreien, für die ich in der Bibel keine Begründung fand. Ich lernte, dass mein Maßstab, meine Orientierung allein das Evangelium sein musste. Und ich erkannte, dass auch Zweifel zum Leben eines Christen gehören und Gott uns trotzdem nicht fallen lässt. Das ist ein Prozess, der lebenslang nicht abgeschlossen wird, denn wir werden immer Lernende bleiben.

Hat es in Ihrem Leben denn einen direkten Anlass gegeben, mit Gott zu hadern?

1976 waren wir in einen Verkehrsunfall  verwickelt, in einen Frontalzusammenstoß mit einem Bus. Dabei riss mir das rechte Schultergelenk um mindestens zehn Zentimeter heraus, Nerven zerrissen. Ich erlebte das schlimmste Jahr meines Lebens: drei kleine Kinder und einen vollständig gelähmten rechten Arm, der wie leblos am Körper baumelt… vielleicht für immer. Dazu permanent unerträgliche Schmerzen. Ich habe wirklich einige Male zu Gott geschrien: Warum? Was habe ich falsch gemacht?

Wie haben Sie diese Krise in Ihrem Leben überwunden?

Es war an meinem 34. Geburtstag 1976, fünf Monate nach dem Unfall. Ich schlug morgens die Herrnhuter Losungen auf, und da stand Psalm 41,5: ‚Herr sei mir gnädig! Heile mich, denn ich habe gesündigt.‘ Und der Lehrtext aus Markus 2: ‚Es kamen Leute und brachten einen Gelähmten zu Jesus. Und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn deine Sünden sind dir vergeben.‘ Das traf mich persönlich, ging bis ins Mark. Ich verstand. Weder der Gelähmte damals, noch ich heute waren schuldiger als andere Menschen. Aber Jesus setzt die Prioritäten ganz anders, und das sollten wir auch tun. Es gab immer schon Betroffene, die trotz Gebet keine Heilung erfahren haben, die mit ihrer Behinderung leben mussten. Das hätte auch bei mir so sein können. Von dem Tag an wurde ich ruhiger und konnte mich ihm anvertrauen. In den folgenden fünf Monaten durfte ich erhebliche Fortschritte feststellen.

Wie würden Sie die Werte Ihres Lebens- und Glaubensweges beschreiben?

Das Evangelium, das uns Jesus Christus in die Welt brachte, ist der feste Grund, der Wegweiser und das Licht auf meinem Weg bis hin zum Ziel. Daran kann ich mich halten und vertraue vor allem darauf, dass ich – wenn ich versage – trotzdem gehalten werde.

Ihr Weg zum ‚Ziel‘…

Unter Ziel verstehe ich den Zeitpunkt, an dem mein Lebensweg endet. Vorstellungen von dem, was im und nach dem Tod geschieht, will ich mir nicht machen. Es könnten ja nur naiv menschliche sein. Am Kreuz sagte er zu dem Verbrecher neben ihm: ‚Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.‘ Und Paradies ist dort, wo der Gott der Liebe ist. Jesus ist da. Also muss es wunderbar sein. Mein Ziel? Herr, wohin sonst sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!

Wenn das Krankenbett zur Kanzel wird: „Ich glaube fest, das Schönste kommt erst noch!“

Gerd Heydn im Gespräch mit Heinz Berthold

In 2016 sind Sie noch tausende Kilometer mit dem Auto gefahren, waren im Sommer mit Ihrer Frau im 52. Jahr als Ferien-Seelsorger auf der dänischen Insel Bornholm. Mitte Oktober sind Sie mit 85 noch 50 Kilometer Rad gefahren. Jetzt liegen Sie hier nach einer Rücken-Operation in einem Hospiz in Kaarst…

„Ja. Der Krebs hat meinen Körper angefressen, drei Rückenwirbel aufgeweicht. Meine Beine gehorchten mir plötzlich nicht mehr. Die Operation im November war ein Versuch, mir meine Mobilität zurück zu bringen. Aber ich wäre am Willen Gottes nicht vorbei gekommen, auch nicht durch den menschlichen medizinischen Eingriff. Ich bin jetzt ans Bett gefesselt, vom Brustkorb abwärts gelähmt. Weitere Operationen wird es nicht geben! Mir ist bewusst, wo ich hier liege. Der Krebs schreitet fort. Ein Hospiz ist ein Sterbehaus…“

Und jetzt hadert der Gottesmann Heinz Berthold mit Gott?

„Nein, nein – Jesus ist bei mir und hilft mir. Ich bin nicht in Verzweiflung und Verbitterung geraten. Mir wird langsam bewusst, dass Gott mich in dieses Bett gelegt hat, um Jesus im Hier und Jetzt erleben zu können. Ich bekomme mehr und mehr die Gewissheit, dass Jesus jetzt bei mir ist und hilft, diese Situation zu ertragen. Wenn das nicht so wäre, würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden. Ich habe mich im ersten Moment nach der Krebs-Diagnose zwar gefragt: Wärst du doch mal zur Vorsorge-Untersuchung gegangen. Aber ich glaube fest, dass es Gottes Wille ist, dass ich hier liege.“

Aber ein kleiner Schock war das doch sicherlich, als Sie ins Krankenhaus kamen, für einen Mann, der in diesem Alter noch so fit war wie Sie?

„Als ich zuletzt auf Bornholm war, habe ich in der Tat darüber nachgedacht, warum das so ist, dass ich noch so fit bin – und dann jetzt dieser abrupte Absturz. Aber dann hatte ich direkt zu Beginn meines Krankenhausaufenthaltes im Franziskus in Mönchengladbach zwei Erlebnisse, die mich fest in Gottes Hand wissen ließen. Im Aufzug traf ich einen alten Bekannten von früher, den Krankenhausseelsorger Schimanski, der mir gerade heraus sagte: ‚Heinz, Du musst Dich jetzt auf eine neue Wirklichkeit einstellen. Die solltest Du akzeptieren. Wir sollten uns nicht belügen.‘ Wenig später stand mir die Radiologin, Oberärztin Frau Dr. Büsche-Schmidt, gegenüber, die – wie sich im Gespräch herausstellte – seit etwa zehn Jahren zum Gottesdienst nach Kelzenberg kommt. Sie hat sich rührend um mich gekümmert. Ich war wahrlich in besten Händen.“

Der einzige Schmuck in Ihrem Hospiz-Zimmer ist ein Jesus-Buchstabenmobile, das Sie sich vor zehn Jahren aus Brasilien mitgebracht haben. Sie haben Jesus also buchstäblich vor Augen?

„Ja, so soll es sein. Jesus ist meine Zukunft – da, wo ich einmal hinkommen werde. Ich habe an Jesus festgemacht. Das heißt nicht, dass ich hier im Krankenbett in Anbetracht meines Zustandes pausenlos Halleluja singe. Aber ich empfinde eine gesegnete und aktive Zeit für mich in diesem Krankenbett. Ich lese soviel wie noch nie in meinem Leben – in der Bibel, im Gesangbuch, in den Losungen und die Bücher von Josef Ratzinger. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, schlage ich Ratzingers ‚Jesus von Nazareth‘ auf. Ratzinger rückt nach meinem Verständnis das Jesus-Bild wieder zurecht, das nur allzu oft in christlichen Gemeinden zerpflückt wird, weil wir nicht mehr in der Gegenwart Gottes leben. Ratzinger baut mich auf. Es kommt mir bald so vor, dass mich Gott ins Bett gelegt hat, um dieses Buch noch mal konzentriert und in Ruhe zu lesen.“

Wenn Sie sich nicht damit beschäftigen, was geht Ihnen dann durch den Kopf?

„Die Lektüre, das konzentrierte Lesen lässt mich mein eigenes Denken im Laufe meines Lebens noch einmal überdenken. Mir wird bewusst, wie Gott mein Leben gelenkt hat, von Station zu Station. Wenn ich selbst aktiv wurde, ging es meistens schief. Ich habe die Hand Gottes unendlich oft in meinem Leben gespürt. Dafür bin ich dankbar. Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und meine Zeugen sein, heißt es in Apostelgeschichte 1,8. Dieser Spruch, den ich bei der Einsegnung zum Abschluss meiner Ausbildung 1957 im Johanneum in Wuppertal erhielt, ist zum entscheidenden Fixpunkt in meinem Leben geworden.“

Sie liegen hier in Kaarst – da, wo Sie die schlimmste Zeit Ihres beruflichen Lebens als Pfarrer durchgemacht haben. Wirken die Erinnerungen daran immer noch nach?

„Für mich schließt sich hier ein Kreis. Wir haben in Kaarst über viele Jahre bis zu meiner Pensionierung 1995 in Unfrieden mit einigen wenigen in der Gemeinde gelebt – leben müssen. Ein früheres Gemeindemitglied hat mich besucht und jetzt am Krankenbett geradezu aufgefordert, über Vergebung und Versöhnung nachzudenken. Das Gespräch geht noch weiter. Gottes Erneuerungswille trägt Früchte in mir. Ich bin zum Frieden bereit. Und noch ein Hinweis für mich, dass der Kreis sich schließt: Ich hatte vor zweieinhalb Jahren einen kleinen Altar und ein Kreuz aus dem alten Kaarster Gemeindezentrum zu mir nach Hause nach Kelzenberg geholt, weil sie sonst entsorgt worden wären. Am 23. Oktober, also unmittelbar vor meiner Erkrankung, habe ich Altar und Kreuz in das neu belebte Gemeindezentrum zurückgebracht. Gott hat mich dafür gebraucht, eine kirchliche Angelegenheit zu einem guten Abschluss zu bringen.“

Haben Sie an Ihrem Krankenbett alte Kontakte wieder auffrischen können?

„Sehr viele. Es ist täglich ein Kommen und Gehen in meinem Zimmer. Ich staune über das Echo, das Gott mir jetzt hier gibt. Ich habe noch nie soviel gebetet wie jetzt hier von meinem Krankenbett aus – mit anderen Menschen. Gott hat es wohl so eingerichtet, dass mein Bett zur Kanzel wird. Das sagte mir eindeutig: Nur Mut, es geht weiter! Gott hat seine Schöpfung auch heute nicht aufgegeben. Unsere Zukunft bekommen wir von Gottes Seite. Die Schöpfung Gottes drückt sich in einer immerwährenden Erneuerung aus.“

Und die Konsequenzen für Sie aus dieser Erkenntnis?

„Herr, Dein Wille geschehe. Ich verspüre keine Angst vor dem Sterben. Ich habe noch ein paar Wochen zu leben – vielleicht auch noch ein paar Monate. Ich weiß es nicht. Ich gebe zu, ich habe gerne gelebt, aber ich glaube fest: Das Schönste kommt erst noch…“

Erst erschreckt – dann aufgeweckt

Bodo Beuscher im Gespräch mit Gerd Heydn

Gerd, ich erinnere mich noch gut, wo und wie wir uns das erste Mal getroffen haben. Wir waren 1992 auf Jugendfreizeit in Spanien, und du hattest die Wochen vorher bei den Olympischen Spielen in Barcelona als Journalist gearbeitet. Ich war richtig gespannt darauf, dich zu sehen. Da war ein Mann, dessen beide katholisch getaufte Töchter inzwischen intensiv in unserer Gemeinde mit lebten, dessen Frau, damals auch noch katholisch, immer wieder mal „schnupperte“, der selbst aber völlig auf Distanz blieb.

„Der Augenblick unserer Begegnung in Spanien war damals ja nur flüchtig und kurz für mich. Meine Frau hatte mich unmittelbar nach den Olympischen Spielen mit dem Auto abgeholt, weil wir in der Nähe von Barcelona Urlaub machen wollten. Die Autopapiere aber hatte unsere Tochter Tanja in der Tasche mit in die Jugendfreizeit genommen. Aus Angst um unsere Verkehrstüchtigkeit sind wir damals als erstes zu euch in die Finca Arenys gefahren und haben uns die Kfz-Papiere von Tanja geholt. Zu jenem Zeitpunkt waren meine Oberflächlichkeit in Glaubensfragen und die Distanz zur Kirche noch prägend in meinem Leben.“

Wie hast du das denn erlebt, wenn deine Töchter von ihrem Interesse am Christsein erzählten? Was hast du gedacht, wenn du mit bekamst, was sich in ihrem Leben änderte? Hast du – als guter Papa – zugehört? Hast du – als kritischer Papa – Bedenken gehabt? Hast du diskutiert?

„Anfangs, also Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre, war ich nur ärgerlich, wenn mir Tanja und Britta sonntagmorgens eröffneten, dass sie lieber zum Gottesdienst nach Kelzenberg wollten als mit mir gemütlich zu frühstücken. Zu jener Zeit war es für mich in meiner journalistischen Arbeit noch eine Kostbarkeit, den Sonntagmorgen mit meiner Familie zu verbringen. Als guter Papa habe ich meine Kinder zwar nicht gemaßregelt, aber mein Unmut war halt spürbar. Andererseits wurde mir bewusst, dass ihnen der Weg nach Kelzenberg wichtig war. Die tatsächlichen Veränderungen im Leben meiner Kinder habe ich erst etwas später zur Kenntnis genommen und hinterfragt. Was aber immer unmissverständlich bei mir rüberkam, war die Sorge meiner Kinder um das Seelenheil ihres Vaters. Irgendwann haben die Gespräche dann aus meiner Oberflächlichkeit zur Neugierde geführt. Und dann bin ich eines Sonntags mit nach Kelzenberg gefahren.“

Dein erster Eindruck?

„Die Schlichtheit der Kirche und der große Schriftzug über dem Altar: Er ist unser Friede. Der hat mich angemacht und tut es noch heute, wann immer ich in die Kirche komme. Dieser optische Eindruck und dann die erste Predigt, die ich von dir gehört habe, blieben im Kopf sitzen, auch wenn ich heute nicht mehr weiß, wovon du damals gesprochen hast. Haften geblieben ist mir aber, dass mich der Inhalt deiner Predigt überzeugt hatte – und nach mehr verlangte. Denn Überzeugungsarbeit war wichtig für meinen Kopf, und erst mal nur für den. Der Sprung vom Kopf zum Herzen folgte erst ganz allmählich.“

Und irgendwann hast du deine Distanz verlassen, hast angefangen zu hören, zu fragen, zu beobachten… War das nicht schwer für einen „gestandenen“ Mann um die Fünfzig, der einen eher stressreichen Beruf ausgeübt und mit vielen „coolen“ Leuten zu tun hatte?

„Als meine Neugier mal geweckt gewesen war, erschien es mir eigentlich nicht mehr schwer. Neugier und Beobachtungsgabe liegen ja in der Natur meines Berufes. Mein Nachholbedarf an Verständnisfragen und Bibelkenntnis war ja riesengroß, ist es im Grunde heute noch. Aber dafür habe ich in Kelzenberg immer wieder Menschen gefunden, angefangen bei dir und Gabi, später in meinen Hauskreisen, die ich heute gerne als meine persönliche geistliche Tankstelle bezeichnen möchte. Euer nimmermüder Einsatz und die Leidenschaft für die Lehre Jesu Christi haben letztlich auch einem hart gesottenen ‚Widerstandskämpfer‘ wie mir nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz geöffnet. Was ich aber bis heute nicht gelernt habe, ist, mich gegenüber ‚coolen‘ Nicht-Christen als Christ zu outen. Diese Hemmschwelle habe ich leider noch immer nicht überwunden.“

Du hast dir ja für deinen Schritt ins Christsein Jahre Zeit gelassen. Dieses lange Nachdenken fand ich immer Klasse – bis du mir kurz vor deiner Taufe erzählt hast, dass du ja eigentlich schon als Kind eine Erfahrung mit Gott gemacht hattest, die sehr deutlich gewesen war.

„Ja, ich erinnere mich gut an Deine Worte: ‚Was für einen Hammer muss Gott denn noch auf dich loslassen. Was willst Du denn noch hören, bis Du endlich kapierst…?‘ Die Vorgeschichte: Als ich zehn Jahre war, musste meine Mutter an einem Gehirn-Tumor operiert werden. In der Nacht nach der OP rief das Krankenhaus an, wir sollten noch mal kommen – Abschied nehmen von meiner Mutter. Das überstieg meine Vorstellungskraft, das konnte – das durfte nicht sein. Und in solch einem Augenblick greift auch der vermeintlich Ungläubige nach dem Strohhalm, der da heißt: Gott. Der kleine Gerd suchte einen Vertrag mit diesem Gott zu schließen: Herr, wenn Du meine Mutter leben lässt, dann will ich auch an Dich glauben! Und Gott hat den Vertrag damals wohl ohne Einschränkung unterschrieben und im wahrsten Sinne des Wortes mit Leben gefüllt. Meine Mutter ist fast 94 Jahre alt geworden.“

Da wurdest du „aufgeweckt“, aber irgendwann hast du den Wecker wieder abgestellt?

„Ich habe den Wecker wohl immer wieder mit dem Kopfkissen erstickt, um mein altes Leben weiter so laufen zu lassen. Oberflächlich war so ein latentes Gefühl des Glaubens wohl in mir, nur offen und ehrlich habe ich mich nicht dazu bekannt, war ja nicht mehr in Not. In Notzeiten wie im Krieg erinnert man sich bekanntlich gerne an die – mögliche – Existenz eines Gottes, dann, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn uns bewusst wird, dass wir eben nicht alles selbst in der Hand haben, unser aller Hiersein auf der Welt von Endlichkeit bestimmt ist. Gott hat wahrlich viel Geduld mit seinem ‚Vertragspartner‘ Gerd gehabt. 54 Jahre habe ich gezaudert, gezögert, gezweifelt, war interessierter, aber doch immer distanzierter Beobachter. Mir fehlten die geeigneten Anschieber, Bremser war ich mir über die Jahre selbst genug – bis meine Kinder anfingen, beharrlich an mir zu arbeiten.“

Vor kurzem bist du 70 Jahre alt geworden. Gilt für dich: Je älter, desto wacher?

„Ich hoffe, dass ich nicht noch mal sanft entschlummere. Mit 70, darf man ja sagen, biegt man allmählich in die Zielgerade seines Lebens ein. Und in diesem Alter haben sich auch die Richt-Werte meines Lebens in der täglichen Auslegung verschoben. So gesehen ist mir Gott heute näher als vielleicht noch vor zehn Jahren zu Zeiten meiner beruflichen ‚Ablenkung‘. Und die war wahrlich groß. Ich will sagen: Herr ich bin auf dem Wege zu Dir, aber der Weg erscheint mir immer noch weit. Das Gefühl kehrt immer mal wieder, das mich schreien lässt – ich komme nicht so recht vor-wärts. Und doch – ich denke, ich bin seit meiner Taufe bereit, mich bewegen zu lassen. Ich hoffe das jedenfalls inständig für mich selbst. In meiner ganz persönlichen täglichen Fürbitte sage ich: Herr, zeig mir den Weg zu Dir, lass mich Dich spüren, hören, füll mich ganz mit Dir und gib mir Deinen Frieden…“

Brauchen wir, was wir haben?

Gerd Heydn im Gespräch mit Schwester Mechtilde Berger

Welcher Grundgedanke steht hinter den Steyler Missionsschwestern?

„Der Missionsdienst. Die Freude am Glauben anderen weitergeben. Steyler Missionsschwestern, aktuell rund 3300, arbeiten zurzeit in 48 Ländern. Die Schwestern leben in Gemeinschaften, manchmal auch nur zu zweit. Gründer der Steyler Schwestern war 1889 Pater Arnold Janssen aus Goch am Niederrhein, der 2003 von Papst Johannes Paul II heiliggesprochen wurde. Schon 1875 hatte Janssen das Steyler Missionswerk mit einem Männerorden in einem ehemaligen Gasthaus begonnen, das er mit Spendengeldern erworben hatte. Mit den Steyler Anbetungsschwestern hat Arnold Janssen eine dritte Ordensgemeinschaft in Steyl ins Leben gerufen. Das Gebet stand in seiner Arbeit immer an erster Stelle.“

Wie sind Sie ins Kloster nach Steyl gekommen?

„Ich bin schon als Kind mit Steyler Zeitschriften in Berührung gekommen. Als neugierige Leseratte habe ich die Missionsberichte gerne gelesen. Bei uns zuhause wurde der Glaube gelebt, weniger darüber gesprochen, wohl aber gebetet. Der Glaube gehörte zu unserem Leben wie das Schwarzbrot auf den Tisch. Meine Entscheidung, ins Kloster gehen zu wollen, hat meine Mutter damals voll akzeptiert. Ich vergesse nie, wie sie sagte: ‘Ich kann Dir doch nicht vorschreiben, wie Du glücklich werden sollst!‘ Ich glaube, ich war mit 16 Jahren durch die harten Nachkriegsjahre reifer als viele andere in meinem Alter. Armut habe ich in der Nachkriegszeit schon als Kind erfahren. Der Klostereintritt war für mich kein Verzicht! Ich habe ja den Traum meines Lebens gefunden, das gewählt, was ich gewünscht habe, was für mich wichtig war, und hatte immer nur das eine Ziel vor Augen: Missionsschwester zu werden.“

Ihr Gelübde – Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam – hat Sie in keiner Phase Ihres Lebens zweifeln lassen?

„Wie sich Armut ausdrückt, habe ich schon zuhause als Kind erfahren. Eine Ehe zu führen, hätte ich mir zwar durchaus vorstellen können, aber dieser Rahmen war mir zu eng. Gehorsam hat für viele etwas Schreckliches, Einengendes. Aber Gehorsam hat mit horchen zu tun: auf Gottes Stimme hören. Darum kann ich sagen: Ich habe im Gehorsam die Freiheit des Geistes gefunden. Diese Vorstellung von Freiheit hat einen Wert für mich, weil ich mein Leben selbst so gewählt habe. Ich habe mich nie gefragt, ob ich mich gegen wen oder was entschieden habe, sondern immer für wen oder was. Auf diesem Weg bin ich glücklich geworden, würde heute noch einmal den gleichen Weg einschlagen. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt. In meinem Nachruf soll einmal stehen: ‚Das größte Glück meines Lebens war meine Berufung zur Steyler Missionsschwester‘.“

Und Sie haben so gar keine Bedürfnisse materieller Art?

„Ein Priester hat einmal zu Beginn eines Gottesdienstes die Frage gestellt: ‚Haben wir, was wir brauchen – und brauchen wir, was wir haben?‘ Ich kann mich doch an der Schönheit von so vielen Dingen erfreuen, muss sie aber nicht besitzen. Alles was ich anhabe, ist ‚second hand‘ erworben. Die Grundbedürfnisse der Schwestern in der Kommunität werden gedeckt, die Gemeinschaft sorgt dafür, gibt mir das, was ich brauche. Mein Gehalt als Lehrerin floss automatisch an die Gemeinschaft, auf das Konto unseres Hauses in Steyl.“

Sie müssen sich also überhaupt keine Sorgen machen…?

„Nein. Ich habe Kleidung, ich habe zu essen, um die Versicherung kümmert sich die Klosterverwaltung. Meine Reise durchs Leben ist wahrlich eine mit leichtem Gepäck! Ich kann uneingeschränkt dankbar auf mein Leben zurückschauen – dankbar gegenüber Gott und auch dankbar gegenüber unserer Gemeinschaft. Ich sage mir jetzt im Alter immer öfter: Pass auf, dass du nicht zu viel anhäufst. Lass los! Wenn ich mein Innerstes auf Gott ausrichte, dann bekommen alle Dinge ihren Wert – auch, dass ich sie nicht brauche.“

Was verstehen Sie unter Luxus?

„Wir leisten uns jeden Morgen um 6.30 Uhr den Luxus, Gott zu loben in Gebet und Gesang. Wenn mir das mal nicht passt, muss ich mich fragen, ob mit mir etwas nicht stimmt. Es gibt dem Tag eine geistliche Struktur, ein gutes Regelmaß, eine gute, gesunde Gewohnheit. Sie ist auch ein ständiges Einüben in die Gemeinschaft mit Gott. Und die muss man pflegen wie die in einer guten Ehe zwischen Mann und Frau. Da reicht es auch nicht, einmal im Jahr zu sagen: Ich liebe dich noch.“

Für Ihren Ordensgründer Arnold Janssen stand das Gebet immer an erster Stelle, haben Sie eingangs unseres Gespräches gesagt. Welche Rolle spielt das Gebet in Ihrem Verhältnis zu Gott?

Das steht auch bei mir an erster Stelle, ist Grundlage meines missionarischen Dienstes. Ich möchte meine Erfahrung im Gebet gerne mit Worten des dänischen Theologen und Philosophen Sören Kierkegaard ausdrücken. Kierkegaard schrieb: ‚Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, Beten heißt, still werden und still sein und warten bis der Betende Gott hört.“

80 Jahre – aber kein bisschen (liebes-)müde

Gerd Heydn im Gespräch mit Peter Gohl

80 – und noch kein bisschen müde. Was meint eigentlich Ihr Hausarzt zu Ihren ‚Extrem-Ausflügen‘ in den Kongo nach drei Stents und permanentem Bluthochdruck?

„Der Doktor hat gesagt: ‚Wenn ich könnte, würde ich dir verbieten, in dieses Klima zu fliegen, aber du hörst ja doch nicht auf mich. Dann will ich wenigstens für dich beten.‘ Aber der war ja nur einer von vielen, die dauernd für uns gebetet haben. Er wusste, dass ich erst mal den Herrn nach dessen Meinung fragen würde. Ich habe aber jedes Mal irgendwie gewusst, dass ich fliegen soll. Von Anfang an hatte ich Zweifel, welchen Sinn das überhaupt macht. Es gab auch viele frustrierende Erlebnisse, und ich habe viele Fehler gemacht, aber ich habe immer wieder gespürt, dass Gott mich da haben wollte und dass das alles nicht meine Idee war.“

Machen Sie sich selbst ein Geschenk zu Ihrem 80. Geburtstag? Fliegen Sie auch dieses Jahr wieder in den Kongo?

„Mal sehen…Gott wird es mir schon sagen.“

Was hat Sie denn letztlich Anfang der 1980er Jahre überhaupt bewogen, mit Ihrer Frau in den Kongo zu gehen?

„Wir hatten ja ein Baugeschäft und jemand fragte mich, ob wir eine Schule bauen könnten. Das wollte ich gerne, doch es stellte sich heraus, dass diese Schule im damaligen Zaire entstehen sollte. Das war der Anfang einer langen Geschichte. Es ging uns gut und Elisabeth hat damals gesagt: ‚Wir haben 20 Jahre nur für uns und das Finanzamt gearbeitet, wir sollten mal ein Jahr für Gott und die Mitmenschen da sein!‘ Wir ahnten aber nicht, worauf wir uns einließen. Null Ahnung, keine Sprachkenntnisse außer einem Crashkurs in Französisch, ein mörderisches Klima im Regenwald mit 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, kein Strom. Die meisten Baustoffe mussten selbst hergestellt, Fischer- und Jägerjungs angelernt werden. Letztlich hatten wir eine gute Bautruppe, die überall in Dschungeldörfern Kirchen, Krankenstationen und Schulen bauten. Aber ich sollte bald erkennen, dass alle unsere Bauten einmal wieder Ruinen sein würden, so wie die ehemaligen Kolonial- und Missionshäuser. Es ging um etwas ganz anderes – etwas, das ich nicht kannte. Aber Gott wusste es, denn der hatte uns ja geschickt.“

Was wollten Sie denn noch aufbauen im Kongo, außer mit Ihren Händen Stein auf Stein zu setzen und die Menschen dort darin anzulernen?

„Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Wenn ich in den Dschungel geflogen bin, habe ich auch immer was gemacht und viel geredet. Ein Dschungelpastor nannte mich seinen Freund und sagte: ‚Hör zu, ich lege mich auf die Erde und stell mich tot. Wenn meine Frau dann kommt und Halleluja schreit, der Alte ist tot, dann weiß ich, dass sie mich nicht mehr liebt! Wenn du uns hier besuchst, kannst du nur unser Freund sein. Denn hier kannst du ja nichts verdienen. Du kriegst gerade knapp satt zu essen. Wir sind hier wie tot. Wenn aber die Leute sehen, dass du aus dem schönen Europa zu uns in den Dschungel kommst, wo du keine Matratze zum Schlafen hast, können sie auch wieder neu glauben, dass Jesus den Himmel verließ, um sich um uns Menschen im Elend zu kümmern!‘ Geld muss nicht unbedingt schädlich sein. Wenn ich aber einem Kranken eine Operation bezahle, wird er trotzdem eines Tages sterben. Dass ich helfe, das zählt! Ich riskiere nicht Kopf und Kragen für ein missionarisches Alibi im Kongo. Ich selbst bin das Projekt, an dem ich arbeite. Mission ist Herzenssache. Die zu besuchen, die sonst keiner besucht, darum geht es.“

Die Triebfeder in Ihrem Glauben, in Ihrem Vertrauen auf Gott?

„Gott sagte zu Abraham: Geh! Und der ging dann auch, ob es schwer fiel oder nicht. So gehe ich auch jetzt hier in den nächsten Tag. Glauben heißt: Hingehen im Vertrauen auf Gott. Die Bibel ist voll solcher Beispiele. Und wir haben im Kongo so viele gläubige Menschen getroffen, die weder evangelisch noch katholisch waren.“

Wie haben denn Ihre beiden Söhne, damals 17 und 19 Jahre alt, Ihre Entscheidung hingenommen, in den Kongo zu gehen?

„Unsere Jungens waren stolz, dass wir unseren ganzen kapitalistischen Kram hinter uns lassen wollten. Die Entscheidung war hart und traf Elisabeth als Mutter am härtesten. Unsere schlimmste Stunde kam, als wir 1982 im Hafen von Antwerpen Abschied von unseren Jungs nahmen. Wir verstanden uns selbst nicht und haben jede Nacht die Kopfkissen nass geheult. Die Jungs sind in einer Art Wohngemeinschaft in unserem Haus geblieben, das wir an Freunde vermietet hatten. Das Baugeschäft in Wermelskirchen hatten wir aufgegeben.“

Liebe, Nächstenliebe haben sich in Ihrem Leben aber nicht nur und nicht erst durch Ihre Missionstätigkeit im Kongo ausgedrückt?

„Nein, 1972 stellten wir der Jugendgruppe unserer Gemeinde einen hellen Kellerraum in unserem neuen Haus zur Verfügung. Daraus entstand ein Jugend-Treff, wo schon mal 100 Leute zusammen sangen und beteten. Teestube war damals modern. Unser Haus war immer voll mit Jugendlichen, wir saßen selten mal alleine am Tisch. Die Teestube lief auch weiter, als wir im Kongo waren, und schon früh kamen einige Behinderte aus einem nahen Wohnheim dazu. Später haben wir uns dann ganz auf behinderte Menschen konzentriert. Teestube ist jeden Sonntag bei uns. Wir wurden ja immer von Gott in allerlei Aktionen hineingezogen. Toll waren die Weihnachtsfeiern mit Pennern und Alkoholikern, Heiligabend mit einer Schwester der Mitternachtsmission im alten Wartesaal in Köln. Wir hatten mal ein Bibelwort bekommen, das uns immer wieder aufgerichtet hat: ‚Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er‘s euch gebe‘, Joh 15,16. Wieso gerade wir? Das werden wir bald erfahren, denn mit 80 ist man schon ziemlich nah bei Gott, der mit dem Taschentuch in der Hand da oben auf uns wartet. Denn Gott wird abwischen alle Tränen von unsern Augen…“.

Diesen Weg will ich weitergehen…

Gerd Heydn im Gespräch mit Verena Ramrath

Beruf, Haushalt, erstes Kind, ehrenamtliche Flüchtlings- und Gemeindearbeit – wird das alles zusammen nicht ein bisschen viel in der täglichen Belastung?

„Ich bleibe jetzt erstmal ein Jahr zu Hause. In dieser Zeit möchte ich gerne zumindest gedanklich und organisatorisch den Deutschkurs für die Flüchtlinge weiter begleiten, auch weiter Gebete für den Gottesdienst schreiben und nach Möglichkeit an den Presbyteriumssitzungen und -kleingruppen teilnehmen. Ich denke, wenn sich erstmal alles eingespielt hat, kann ich so nach und nach meine Aufgaben wieder aufnehmen. Für das zweite Lebensjahr unseres Kindes geht mein Mann in Elternzeit. Ich werde dann wieder beruflich einsteigen. Und die Gemeindearbeit sehe ich ohnehin eher als Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit. Es gibt doch einen Bibelvers, der sinngemäß aussagt: Wenn ich mich um Gott kümmere, dann wird er sich schon um mich kümmern. Mit dieser Einstellung habe ich in meinem Leben bislang sehr gute Erfahrung gemacht. Außerdem habe ich durch meine Kinder- und Jugendarbeit in Kelzenberg eine große Hilfe für meinen Beruf im Umgang mit sechs- bis zehnjährigen Kindern verspürt. In Kelzenberg ist mir überhaupt erst klar geworden, dass ich mit Kindern arbeiten kann und dass mich diese Arbeit ausfüllt.“

Und Ihre beruflichen Fähigkeiten können Sie auch in Ihre Flüchtlingsarbeit mit einbringen…

„Ich gebe einmal die Woche mit einem Team zusammen Deutsch-unterricht für Flüchtlinge in einer Jüchener Grundschule. Flüchtlingsarbeit bedeutet für mich: Jesu Weg mitzugehen, gemeinsam Liebe weiterzugeben. Ich denke, dieser Weg bringt auch die Gemeinschaft unserer Gemeinde weiter, ermutigt Leute, Verantwortung zu übernehmen und erweitert unsere Gemeinde. Ich freue mich sehr darüber, dass auch meine Mutter fast seit Beginn des Deutschkurses regelmäßig dabei ist. Die aktuelle Flüchtlingssituation sollte uns allen doch verdeutlichen: Wir haben viel, wir können und müssen etwas abgeben – teilen. Wenn wir das schaffen, können wir auch das Bild der Kirche schlechthin in der breiten Öffentlichkeit in ein anderes Licht rücken. Was können wir als Gemeinde der Welt geben? Was braucht die Welt von uns? Lasst uns machen! Damit Wort und Tat nicht auseinanderklaffen.“

Wie hat sich Ihr Berufswunsch Lehrerin entwickelt?

„Der ist auch erst durch meine ehrenamtliche Arbeit mit Kindern in der Gemeinde in Kelzenberg gewachsen. Meine erste Aufgabe stellte sich mir in Kelzenberg 2001 mit den kleinen ‚Bibelschnüfflern‘. Als sich mein Berufswunsch deutlich abzeichnete, bin ich von der Realschule aufs Gymnasium gewechselt, wollte auch evangelische Religionslehre studieren. Mit 18 bin ich dann vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertiert. Mit 19 bin ich in den Kindergottesdienst eingestiegen, danach folgten Kinder- und Jugend-Freizeiten, Leitungsarbeit im ‚JC‘ und die Mitarbeit im Gottesdienst-Team ‚Beten für andere‘. Alle diese Aufgaben haben mir bis zum heutigen Tag geholfen, meine Persönlichkeit zu entwickeln, mich herausgefordert, Dinge anzugehen, die ich eigentlich nur ungern tun würde. Ich habe z. B. grundsätzlich Schwierigkeiten, offen auf Menschen zuzugehen, weil ich eher schüchtern bin, gar nicht für Small-Talk tauge. Aber ich finde, in der Gemeinde gehört es dazu, auf Menschen zuzugehen. Als Jugendliche hatte ich auch oft große Schwierigkeiten, so langsam und deutlich zu sprechen, dass andere mich verstehen. Aber meine Aufgaben in der Gemeinde haben erfordert, das zu trainieren. An Weihnachten stand ich auf der Kanzel. Wer hätte das gedacht?

Und so ähnlich ist es auch in der Schule. Ich denke, dass die Kinder, die heute in meiner Klasse vor mir sitzen, nicht Ausdruck eines Zufallsgenerators sind, sondern dass Gott mir diese Kinder in den Weg gestellt hat, damit ich sie neben ihren Eltern ein Stück auf ihrem Lebensweg begleite, um ihnen eben nicht nur Schulstoff zu vermitteln, sondern auch Werte und Wertschätzung weitergeben kann, die ich durch IHN, meine Familie und die Gemeinde erfahren habe. Mir ist es sehr wichtig, die Kinder als Ganzes zu sehen. Das ist besonders dann hilfreich, wenn es schwierige Kinder sind. Mit dieser Herangehensweise habe ich bisher sehr gute Erfahrung gemacht.“

Wie verlief denn Ihre Umstellung von der Katholikin zur Protestantin?

„Glaube und Kirchgang gehörten bei uns zu Hause zum Leben, aber über den Glauben gesprochen haben wir nicht. Als ich von meiner ersten Kelzenberger Jugend-Freizeit als Teilnehmerin 2000 aus Spanien zurückkam, konnte ich meinen Eltern nicht so richtig erzählen, was mich bewegt hatte. Und in der katholischen Kirche fühlte ich mich seitdem irgendwie fremd. Die Person Jesus und das Kreuz waren neu für mich als Mittelpunkt des Glaubens. Ich habe damals bei einem Abend in Spanien geweint, als ich verinnerlicht habe, dass Jesus gelitten hat und gestorben ist für mich. Ich hatte als Kind oft Angst vor dem Tod und keine Antworten auf die Frage, wie geht es nach dem Tod weiter. Ich wusste zwar, dass Jesus an Karfreitag gestorben und an Ostern auferstanden war, aber nicht welche Perspektive das für mein Leben bedeutet. Mit meinem Übertritt zum evangelischen Glauben wollte ich noch mal ganz bewusst „Ja“ zu Jesus und unserer Beziehung sagen.“

Was ist Ihnen klar geworden auf dieser Jugend-Freizeit im Jahre 2000?

„Diese Tage in Spanien sind zum Knackpunkt in meinem Leben geworden. Als auf dem Abschlussabend jeder Einzelne von uns gesegnet worden ist, hatte ich das Gefühl, dass Gott neben mir sitzen würde. Und mir war klar: Diesen Weg will ich weitergehen! In der Folge habe ich versucht, mit Jesus durchs Leben zu gehen. Seit dieser Freizeit bin ich regelmäßig nach Kelzenberg gekommen. Nach etwa einem Jahr fühlte ich mich dann auch so richtig in Kelzenberg angekommen.“

Werten Sie Ihre Berufung ins Presbyterium als weiteren Schritt in Ihrer Beziehung zu Jesus Christus?

„Unbedingt. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass man mir eine derartige Aufgabe zutraut. Für mich persönlich bedeutet diese Berufung, meine Gaben an einer neuen Stelle einzusetzen, die Chance, meine Jesus-Beziehung, aber auch wieder meine Persönlichkeit und mein Leben, weiter zu entwickeln.“

Worin sehen Sie Ihre wesentliche Aufgabenstellung im Kelzenberger Presbyterium?

Ich bin ja noch sehr frisch in unserer Gemeindeleitung. Aber für das gesamte Presbyterium sehe ich die große Herausforderung für die Zukunft, Kelzenberg als lebendige, zeitgemäße Gemeinde zu erhalten, weiterzuführen und auszubauen – auch über die Zeit von Gabi und Bodo Beuscher hinaus.“