Die heidnische Konga und die Bibel

Bei uns Zuhause im Wohnzimmer in Wermelskirchen erinnert uns eine Konga nicht nur an Daddy. Solch ein Kupferring wiegt über zwei Kilogramm. Kongas machen im Urwald das Familienvermögen aus. Und eine Konga hat den Wert eines Menschenlebens. Wenn jemand ermordet wird, gibt man zuletzt eine Konga an die geschädigte Sippe. 

Zwei Leute heiraten nicht alleine, sondern ihre Sippen. Bei der großen Hochzeitsfeier gibt der Vater dem Bräutigam eine Konga und sagt: „Mein Sohn ist ein zuverlässiger Mann. Seht, ich vertraue ihm unser Vermögen an!“ Der Sohn gibt sie seiner Braut: „Ich liebe diese Frau und gebe ihr hier das Wertvollste, was ich habe!“ Die Braut wiederum gibt sie ihrem Vater und sagt: „Ich liebe diesen Mann und gehe mit ihm weg, aber ich gehöre immer zu euch. Diese Konga soll bei euch immer als mein Zeichen bleiben!“

Daddy lebte in Ikau als Nachbarkind von uns, das allerdings niemand haben wollte. Er lag dauernd kurz vor dem Sterben, und er hatte nicht mal einen richtigen Namen. Elisabeth hat sich dann über ihn erbarmt und ihn so lange behandelt, bis man ihn richtig knuddeln und knutschen konnte. Wir liebten ihn wie ein eigens Kind. Später wollte Elisabeth, dass Daddy mit uns nach Deutschland kommt. Aber ich war dagegen. Deutschland wäre sicherlich schlecht für ein lernbehindertes schwarzes Kind. Und dabei gab es die Pegida damals noch nicht einmal.

Mama Nsimba, eine Lehrerin aus dem Bongandostamm, 600 Kilometer weit von Ikau entfernt, hat ihn schließlich adoptiert. Und ich brauchte alle meine Überwindung, den Jungen dahin zu bringen und ihn dann auch wirklich dazulassen. Nicht mal seinen Hund gibt man so weg. Aber Mama Nsimbas Sippe hat ihn in einer schönen Zeremonie feierlich aufgenommen. Zuletzt ist der alte Bofaso aufgestanden und wollte mir diese Konga geben, aber ich lehnte ab, weil ich ja schon längst verheiratet war. „Nein, du sollst die Konga nehmen, denn du hast uns deinen Jungen gegeben, den du so liebst. Du hast uns ein Menschenleben gegeben. Dieser Junge bleibt bei uns als Zeichen deines Vertrauens zu uns, und die Konga soll bei dir in Europa immer das Zeichen unserer Verbundenheit bleiben. Eine Konga rostet oder verfault nie. Geld verliert seinen Wert, aber die Konga hält immer den Wert eines Menschenlebens.“ Dann sagte er noch: „Eine andere Sache hat ebenso viel Wert. Lies in der Bibel: Christus hat dich losgekauft, und das nicht mit vergänglichem Papiergeld oder Silber oder Gold, sondern mit seinem eigenen wertvollen Blut! Wenn Sorgen oder böse Fehler dich mal belasten, schau auf die Konga. Sie ist unser Preis für den Jungen. Aber Jesu Blut ist der Preis für dich, und du gehörst so immer Jesus!“ Mit der Konga und diesem Spruch bin ich dann die 600 km Dschungelpfade alleine mit dem Motorrad zurück gecrosst und empfand eine Sicherheit, als ob ich eine ganze Kompanie Engel als Bodyguards hätte und in Deutschland auf der A1 unterwegs wäre.

Dann kam Ende der 1990er Jahre der Krieg in unser Gebiet im Kongo. Nach 19 Jahren Trennung habe ich Daddy schließlich wieder getroffen. Er hatte inzwischen eine Frau und ein kleines Mädchen. Sie leben von ihren Maniokfeldern.

Heute erinnert mich die Konga in unserem Wohnzimmer an Daddy und Bofasos Spruch: Ich bin frei durch und für Christus. Da kann ich doch nur noch sagen: Ich bin denn mal so frei!

Peter Gohl