Gerd Heydn und Jenny Hartschen im Gespräch mit Nigeria-Flüchtling Liberty N. Livinus

Warum haben Sie Ihre Heimat verlassen?

„Den Entschluss zur Flucht habe ich gefasst, als sich die Lage zwischen Christen und Muslimen durch die Übergriffe und Anschläge der Terrororganisation Boko Haram in Nigeria immer mehr zugespitzt hat. Im Juni 2013 habe ich mich dann mit zwei Freunden auf den Weg gemacht – über drei Wochen durch Nigeria, den Niger nach Algerien bis an die marokkanische Grenze. Nahe der Grenze haben wir Leute getroffen, die uns Hilfe für den Grenzübertritt anboten. Für mich stand fest: Ich will nach Deutschland.“

Sie haben sich gutgläubig diesen vermeintlichen Freunden ausgeliefert…?

„Ja, sie haben uns in ein Camp mitten im Wald geführt, wir mussten einzeln nacheinander in einem Zelt niederknien und alles offen hinlegen, was wir hatten – Papiere und vor allem das bisschen Geld, was uns geblieben war. Da wurden wir zum ersten Mal von Mitgliedern dieser Gang geschlagen. Wir kamen aus dem Camp nicht mehr heraus, wurden regelrecht versklavt. Zur Verdeutlichung unserer Situation haben sie uns zu einer Grabstelle geführt, aus der der Kopf des Toten herausschaute. Die Gang lebte von der Ausbeutung solcher Menschen, zu denen meine Freunde und ich jetzt auch zählten, die einen Weg in die Freiheit suchten. Und solche Gangs herrschten überall in der Region an der algerisch-marokkanischen Grenze.“

Wie lange wurden Sie in diesem Camp gefangen gehalten?

„In dem ersten gut einen Monat. Dann haben sie uns in einem vierstündigen lebensgefährlichen Marsch über schwierige steinige Wege nach Marokko geführt, auf dem wir auch noch schwere Lasten schleppen mussten. Wir bekamen kaum etwas zu essen, vor dem Marsch nach Marokko drei Tage lang gar nichts. Über ein Jahr hausten wir in verschiedenen Camps, wurden weiterhin wie Sklaven gehalten, geschlagen und gefoltert. Sie haben Telefon-Nummern unserer Familien in Nigeria aus uns herausgeprügelt. Dann haben sie meinen Vater angerufen, mich während des Gesprächs weiter geschlagen, so dass ich heute noch auf dem rechten Ohr geschädigt bin. 500 Euro haben sie von meinem Vater gefordert, 60 Euro hat er geschickt – mehr ging nicht.“

Wie muss man sich die Folter, ihre Gefangenschaft vorstellen?

„Wie in einem Ritual wurden wir einmal die Woche geschlagen, jeden Samstag an Händen und Füßen gefesselt, um uns gefügig zu halten. Mein Vater und meine Tante haben immer wieder Geld geschickt. Aber eines Tages konnte mein Vater nicht mehr zahlen, weil meine Mutter ins Hospital kam und das Geld für den Hospitalaufenthalt gebraucht wurde. Da wurde ich wieder an Händen und Füßen gefesselt und ausgepeitscht. Dann haben sie uns in die nächste Stadt geschickt zum Betteln. Dabei mussten wir immer auf der Hut sein vor der marokkanischen Polizei. Wenn sie uns geschnappt hätten, wären wir sofort ausgewiesen worden. So an die 50 Euro habe ich in der Woche zusammengebettelt. Das Geld musste ich komplett bei der Gang abliefern.“

Wie kamen Sie denn letztlich frei aus diesem Camp brutaler Gangster?

„Auslöser war ein Mord der Gangster an einem Mann aus den eigenen Reihen. Vor dem Zugriff der marokkanischen Polizei hat die Gang das Camp selbst in Brand gesetzt. Ich habe mich als Mann aus dem Niger ausgegeben, nicht aus Nigeria, weil Nigerianer in Marokko regelrecht gejagt worden sind. Papiere hatte ich ja keine mehr. Ich habe mich dann bis zur Küste durchgeschlagen.“

…und haben versucht, von Marokko aus das europäische Festland zu erreichen…?

„Ja, immer wieder, zigmal. Einmal waren wir zu sechst 16 Stunden mit Schwimmweste in einem Schlauchboot im Wasser – bis wir von einem spanischen Hubschrauber entdeckt und nach Marokko zurückgebracht und der marokkanischen Polizei übergeben worden sind. Die hat uns dann wieder an der algerischen Grenze ausgesetzt.

Insgesamt fünf Monate habe ich mich in Wäldern und Bergen versteckt. Wir mussten ständig in Bewegung bleiben, um nicht erneut von der Polizei aufgegriffen zu werden. Immer wieder haben wir neue Fluchtversuche zu Wasser und über die Zäune zur spanischen Exklave Melilla unternommen. Und die marokkanische Polizei hat immer wieder Razzien durchgeführt, um Flüchtlinge aus den Wäldern zu holen. Dabei sind viele umgekommen. Schwarzafrikaner wurden in Marokko wie Aussätzige behandelt und wie die Hasen gejagt.“

Was haben Sie gedacht, als sie 16 Stunden in Ihrem Schlauchboot im Mittelmeer getrieben sind?

„Ich konnte selbst gar nichts mehr tun. Ich weiß, dass es Gott gibt. Da habe ich mich ganz seiner Führung überlassen – Gott wird schon etwas mit mir machen.“

Haben Sie denn nie an Gott gezweifelt bei Ihren gescheiterten Fluchtversuchen?

„Doch, sehr massiv sogar. Aber ich erinnerte mich, dass mir meine Mutter als Kind immer eingebläut hatte: Hör nie auf zu beten! Als es dann doch passierte, sprach mich bei meinen Betteleinsätzen in einer Stadt ein gut gekleideter marokkanischer Geschäftsmann an und wollte wissen, warum ich denn bettele. Er sagte mir genau das Gleiche wie meine Mutter: Hör nie auf zu beten! Ich weiß, dass es Gott gibt – auch für mich.“

Der Tag der Rettung…

„Den werde ich nie vergessen: es war der 28. Mai 2014, als es mir mit über 500 anderen Flüchtlingen gelang, den Zaun nach Melilla zu überwinden. Acht Tote gab es bei dieser Massenflucht, auch auf Seiten der Polizei. Auf der anderen Seite des Zauns sagten Beamte der spanischen Guardia Civil: ‚Jetzt habt ihr es geschafft!‘ Wir mussten dann allerdings noch von Mai bis Oktober vergangenen Jahres in Melilla ausharren. Dann wurden wir nach Andalusien, nach Almeria übergesetzt. Von dort bin ich auf eigene Faust mit dem Bus nach Madrid – und dann weiter per Bus nach Deutschland.“

Und damit hatte sich Ihr Traum aus der Kindheit erfüllt. Welche Träume bleiben jetzt noch?

Der Traum, tatsächlich in Deutschland bleiben zu dürfen – und hier vielleicht Fußballprofi werden zu können. Ich spiele jetzt beim Bezirksligisten VfL Viktoria Jüchen.“