„Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“, so lautet die präfeministische und heute landläufig noch immer in den Köpfen vieler Menschen verankerte Meinung. Bei Martin Luther und Katharina von Bora trifft sie sicherlich zu. Zwei außergewöhnliche Menschen haben sich vor 500 Jahren dem Projekt Reformation verschrieben. Wie fanden die beiden außergewöhnlichen Menschen zueinander und wie gestalteten sie ihren gemeinsamen Lebensweg?

Kindheit

Katharina von Bora wurde am 29. Januar 1499 in bescheidenen Verhältnissen des verarmten sächsischen Landadels im Gut Lippendorf südlich von Leipzig geboren. Sie hatte mindestens drei Brüder und wahrscheinlich eine Schwester. Als sie fünf oder sechs Jahre alt war, starb ihre Mutter. Vater Hans heiratete 1505 eine Margarethe. Schon 1504 wurde das kleine Mädchen in das Benediktinerkloster Brehna gegeben, wahrscheinlich aufgrund von Armut. 1508 brachte Hans von Bora Katharina im Kloster Marienthron in Nimbschen unter, wo auch ihre Tante Margarethe von Haubitz als Äbtissin lebte. Dort lernte sie Lesen, Schreiben, Singen und Latein-Grundlagen. Auch die betriebswirtschaftlichen Abläufe einer Landwirtschaft wurden ihr beigebracht. Zum frühestmöglichen Termin, 1515, legte sie ihr Gelübde als Nonne ab. Trotz der strengen Regelungen war ihr Horizont wahrscheinlich weiter als bei Gleichaltrigen ihres Standes im Haus der Eltern.

Flucht aus dem Kloster

Bald darauf erschienen Luthers erste Kloster-kritische Schriften. Wie Luthers Gedankengut in das Kloster Marienthron gelangte, bleibt im Dunkeln. Fest steht nur, dass viele Mönche und Nonnen die Klöster verließen, so auch Katharina von Bora. In der Nacht vom Ostersamstag zum Ostersonntag 1523 fuhr Leonhard Koppe, Ratsmann zu Torgau, mit zwei jüngeren Verwandten in Nimbschen vor und half 12 Nonnen bei der Flucht, worauf die Todesstrafe stand. Luther brachte die Frauen bei Freunden in Wittenberg unter und organisierte eine Kollekte am kurfürstlichen Hof. Katharina kam zunächst zum Stadtschreiber Philipp Reichenbach und später zu Lucas Cranach dem Ältern, von dem auch die Porträts Katharinas und Luthers stammen. Sie blieb Barbara und Lucas Cranach in enger Freundschaft verbunden. So waren diese später gegenseitig Taufpaten ihrer Kinder.

Ehe mit Luther

Katharina begegnete 1523 dem Wittenberger Studenten Hieronymus Baumgartner, der wohl bei ihr einen bleibenden Eindruck hinterließ. Seine Eltern stimmten aber der Ehe mit einer entlaufenen Nonne nicht zu. Luther war wohl zunächst an Ave von Schönefeld interessiert, die aber Basilius Axt heiratete. Für Luther schien die Frage, ob er heiraten solle, wichtiger als wen. Bei seiner Einstellung zur Ehe stand er in der Tradition, die Kindererzeugung und -aufzucht aber auch gegenseitige Unterstützung und Hilfe der Partner auf Lebenszeit umfasste. Bei dem Bund von Luther und Katharina scheint sie die treibende Kraft gewesen zu sein. Barbara und Lucas Cranach brachten Katharina am 13. Juni 1525 ins Schwarze Kloster, wo sie und Luther von Johannes Bugenhagen im Beisam des Freundes Justus Jonas getraut wurden. Fortan wohnten sie im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg, das den Reformatoren von Kurfürst Johannes dem Beständigen zur Verfügung gestellt wurde. Zwei Wochen später feierten sie ihre Hochzeit mit Freunden und Verwandten.

Leben als Lutherin

Katharinas betriebswirtschaftliche Kenntnisse aus der Landwirtschaft sowie ihr offensichtlich großes Talent für das Management kamen ihr nun zugute. Nicht nur verwaltete und bewirtschaftete sie die umfangreichen Ländereien, betrieb Viehzucht und eine Bierbrauerei, sie betreute auch den finanziellen Teil der Drucklegung von Luthers Schriften und erwarb sich Respekt mit geistreichen und schlagfertigen Beiträgen zu Tischgesprächen und Briefen. Zudem führte sie in Zeiten der Pest ein Krankenhaus, in dem sie mit anderen Frauen Kranke pflegte. Katharina und Martin Luther bekamen drei Mädchen und drei Jungen. Elisabeth starb schon als Baby. Der Tod von Magdalena mit 12 Jahren stürzte die Eheleute in eine tiefe Krise. Die Managerqualitäten Katharinas müssen sehr ausgeprägt gewesen sein. Sie versorgte ihre Kinder, Gäste, Lehrer, Studenten, Dienstboten und Tagelöhner und entwickelte großes Geschick beim Ankauf und der Pachtung von Gärten und landwirtschaftlichen Flächen. Katharinas Gesundheit scheint robust gewesen zu sein, ansonsten hätte sie ein solches Pensum nicht schaffen können. Luther wollte zwar von Frauen im öffentlichen Leben nichts wissen, achtete aber Katharinas Führungsfunktion im Haus und nannte sie liebevoll „Mein Herr Käthe“. In seinen Briefen finden sich weitere Kosenamen für seine Frau: „Carissima“, „meine herzliebe Käthe“, aber auch „Mea Domina“ oder „Meus Dominus Ketha“. Katharina war eine starke Frau, die mit dem schwierigen Luther umgehen und ihm neben ihren Führungsfunktionen im Haushalt auch eine adäquate geistige Gefährtin sein konnte, indem sie an seinen theologischen und politischen Problemen teilnahm.

Späte Jahre

Der Tod Luthers 1546 traf Katharina tief und brachte sie in eine wirtschaftlich prekäre Situation. Luther hatte sie zwar sowohl im Ehevertrag von 1525 als auch im Wittenberger Testament von 1542 zur Alleinerbin gemacht, diese widersprachen aber dem geltenden Recht des Sachsenspiegels. Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen sicherte ihr durch ein Machtwort jedoch weite Teile der Erbschaft und der Rechte. So konnte sie im Kloster bleiben und wurde unter anderem von Herzog Albrecht von Preußen und König Christian III. von Dänemark finanziell unterstützt. 1546 flieht sie mit ihren Kindern vor dem Schmalkaldischen Krieg und kehrt erst 1547 nach Wittenberg zurück, wo sie vor den verwüsteten Gebäuden und Ländereien steht. Mit Hilfe der Fürsten bewältigt sie den Wiederaufbau und kann die wirtschaftliche Not abwenden. Vor der Pest und vor Missernten flieht sie nach Torgau, vor dessen Toren ihr Fuhrwerk in einen Verkehrsunfall verwickelt wird. Dabei bricht sie sich einen Beckenknochen und stirbt drei Wochen später am 20. Dezember 1552 in Torgau.

Kirstin Rappmund-Gerwers