Vor ca. 2000 Jahren, weit entfernt im Osten von Palästina, machten gebildete Astronomen eines Nachts eine Aufsehen erregende Entdeckung. Sie beobachteten eine außergewöhnliche Sternenkonstellation.

Diese Sternenkonstellation konnte nach ihren Einsichten nur eines bedeuten: Dem Volk der Juden musste ein großartiger, neuer König geboren worden sein. In ihren Augen war dieser neue König so bedeutend, dass sie sich umgehend auf die lange Reise machten, um ihn zu sehen und ihm ihren Respekt zu erweisen. Ausgestattet mit Proviant für den Weg und kostbaren Geschenken für den Prinzen zogen sie los. Ihr Ziel war Jerusalem, die Hauptstadt des jüdischen Staates. Ihnen war klar, dass ein König nur in einem Königshaus geboren wird.

In Jerusalem sorgte ihre Ankunft für beunruhigende Aufregung. Der amtierende König dort war Herodes der Große, ein Günstling der Römer, der vom römischen Kaiser den Auftrag hatte, in dem ihm zugewiesenen Herrschaftsbereich für Ruhe zu sorgen. Diesen hatte Herodes während seiner langen Regierungszeit mit rücksichtsloser Härte auch treu erfüllt. Jeder mögliche Unruhestifter oder etwaige Konkurrent wurde umgehend ausgeschaltet, darunter auch drei seiner sechs Söhne. Jetzt war Herodes mit ca. 70 Jahren ein alter Mann geworden, der immer argwöhnischer um seinen Thron bangte. Als dann die Gelehrten aus dem Osten vor ihm standen und nach einem neugeborenen König fragten, war ihm nach dem ersten Schock klar, dass er sofort handeln musste. Er rief gelehrte jüdische Theologen und Priester zu sich, um sie genau nach den Prophezeiungen in ihren Gesetzbüchern zu befragen. Und tatsächlich fanden sie heraus, dass es uralte Ankündigungen gab über einen besonderen König, der allerdings nicht in Jerusalem, sondern im kleinen Dorf Bethlehem geboren werden sollte.

Herodes ließ die Gelehrten aus dem Osten noch einmal zu sich kommen, jedoch machte er aus dieser Audienz so wenig Aufsehen wie möglich. Er befragte sie eingehend danach, wann sie zum ersten Mal ihre besondere Beobachtung am Sternhimmel gemacht hätten. Dann schickte er sie nach Bethlehem mit dem Auftrag, genau zu erkunden, wo der neugeborene König zu finden wäre. Danach sollten sie wieder zu ihm zurück kommen und es berichten, damit auch er diesen König sehen und ihn angemessen begrüßen könne. Natürlich war das nur ein Vorwand für seinen boshaften Plan. Das schien ihm im Moment jedoch die eleganteste Möglichkeit zu sein, mit geringstem Aufwand und so unbeachtet wie möglich sein Ziel zu erreichen, nämlich einen neuen Konkurrenten um den Thron ausfindig zu machen und ihn auszuschalten.

Die Männer machten sich auf den Weg nach Bethlehem und orientierten sich wieder an dem Sterngebilde, welches sie bereits früher schon beobachtet hatten. So kamen sie genau zu dem Haus, in dem Joseph und Maria mit ihrem kleinen Kind Jesus wohnten. Voller Freude gingen sie hinein, beteten Jesus an und schenkten ihm kostbare Schätze, die sie entsprechend seiner königlichen Würde zusammen gestellt hatten. In der Nacht hatten sie einen Traum, in dem Gott ihnen befahl, nicht zu Herodes zurück zu gehen. Und so machten sie sich wieder auf und zogen auf einer anderen Route zurück in ihr Land. Nachdem sie von Bethlehem aufgebrochen waren, hatte Joseph einen ungewöhnlichen Traum: Ein Engel Gottes erschien ihm und sagte ihm, dass er mit Maria und Jesus aufbrechen und nach Ägypten fliehen müsse, weil Herodes plante, sein Kind zu ermorden. Nachdem die junge Familie schon die Strapazen der Geburt unter extrem unkomfortablen Umständen in einem Stall hinter sich hatte, war dies wiederum ein Aufbruch ins Ungewisse. Sie packten ihr Hab und Gut zusammen und zogen los. Wahrscheinlich folgten sie einer alten Handelsstraße, die über Beer-Scheva und die Sinai-Halbinsel nach Ägypten führte. Man kann davon ausgehen, dass sie in Ägypten nach altem Brauch gastfreundlich aufgenommen wurden. In der Zwischenzeit wurde dem Herodes in Jerusalem klar, dass die Astronomen aus dem Osten wohl nicht mehr zu ihm zurück kommen würden. Das war ziemlich ärgerlich und so beschloss er kurzerhand, eine Truppe Soldaten nach Bethlehem zu schicken. Nach den Informationen, die er von den gelehrten Männern hatte, erteilte er den Befehl, in ganz Bethlehem jedes Kind von zwei Jahren und darunter zu töten. Auf diese Weise hoffte er, den neuen Anwärter auf seinen Thron endgültig ausgeschaltet zu haben.

Joseph blieb mit seiner Familie wahrscheinlich zwei bis drei Jahre in Ägypten, bis zum Tod des Königs Herodes. Nachdem Herodes gestorben war, bekam Joseph von Gott in einem Traum die Anweisung, nach Israel zurück zu gehen. Wieder packte die junge Familie alles zusammen und zog los. In Israel angekommen hörte Joseph, dass ein Sohn von Herodes, mit dem Namen Archelaus, König von Judäa geworden war. Da bekam er Angst, wieder nach Bethlehem zu ziehen, weil es in Judäa liegt. Und noch einmal hatte er einen Traum, in dem Gott ihm sagte, er sollte nach Nazareth gehen. Das war ein Dorf weiter nördlich in Galiläa, außerhalb vom Herrschaftsbereich des Archelaus. So wurde eine weitere Prophezeiung über den Messias erfüllt, die besagte, er würde „Nazarener“ heißen.

Für Joseph und Maria war die Tatsache, dass Jesus – der von Gott schon lange angekündigte Messias – bei ihnen geboren wurde, von Anfang an eine absolute Herausforderung. Von Schritt zu Schritt waren sie ganz davon abhängig, dass Gott ihnen beistehen und sie schützen musste. Ihre Größe bestand darin, dass sie bereit waren, sich Gott und Seinem Plan mit ihnen ganz und gar zur Verfügung zu stellen. Das war ein Wagnis, dessen Folgen sie nicht überblicken konnten. Und deswegen war es nur unter einer Voraussetzung möglich, sich auf den Weg Gottes mit ihnen einzulassen: Sie mussten ihrem Gott voll und ganz vertrauen, d.h. Ihm zutrauen, dass Er sie durch alle Höhen und Tiefen sicher ans Ziel bringen würde. Während sie in jeder Herausforderung wieder neu auf ihren Gott vertrauen mussten, entwickelte sich ihre Beziehung zu Gott zu immer größerer Tiefe und Reife.

Gott kann man nicht aus der Distanz kennen lernen. Den Kick einer aufregenden Achterbahnfahrt erlebt keiner vom Zusehen. Man muss sich reinsetzen in dem Bewusstsein, dass ein Aussteigen während der Fahrt nicht mehr möglich ist. Es scheint fast wie eine mathematische Gleichung zu sein: Je abhängiger man sich von Gott macht und je größer die Herausforderung ist, desto deutlicher wird man Sein Handeln erfahren.

Gerd Reschke