Elisabeth und ich waren 1982 erst drei Monate im Zaïre, da erlebten wir abends einen Überfall. 

Wir waren gerade mal aus dem Haus rausgegangen, als Elfenbeinjäger das Haus mit ihren Gewehren durch alle Verandafenster und Türen durchschossen. Der Hund, den wir verwahrten, bellte. Es fiel noch ein Schuss, dann war auch der still, und wir sind auf allen Vieren durchs hohe Gras bis in die nächste Lehmhütte geflüchtet. „Kommt schnell rein“, sagte die Frau, „ich versteck euch hinten in der Kammer.“

Weil ein Nachbar ein Gewehr und zwei Patronen dazu hatte, schoss er damit in die Luft, um Abwehr zu demonstrieren. Dann wurde es so still, dass man nur noch unser ängstliches Zähneklappern hörte. Ein ganz Mutiger fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt, um die Polizei zu alarmieren.

Als die da war, gingen wir auch wieder in unser Haus und sahen die Verwüstung. Alles war durchwühlt worden, und unsere zwei Koffer waren aufgeschlitzt. Überall waren Einschusslöcher in den Wänden, und auf dem Boden lag der tote Hund in seinem Blut. Die Banditen hatten offensichtlich nur nach dem Projektgeld gesucht, das wir aber noch gar nicht hatten.

Die Polizisten machten einen sehr langen Bericht und räumten ein bisschen auf, wie man denn da so aufräumt. Unser gutes Brotmesser fand ich später bei jemandem, der es gekauft hatte, und die Taschenlampe habe ich ein halbes Jahr später einem Polizisten am Hafen abgenommen. Damals konnte ich schon ziemlich auf Lingala schimpfen.

Wir hatten noch kein Fahrzeug, wegen Niedrigwasser konnte kein Schiff auf dem Fluss fahren, und die Air Zaïre war in Reparatur. Wir konnten also gar nicht weg.

Tagsüber hatten wir genug zu tun, wenn es aber dunkel wurde und die vielen für uns fremdartigen Laute aus dem Dschungel auf uns einwirkten, schlich sich auch die Angst bei uns ein. Wir fantasierten, sahen dunkle Gestalten auf der Wiese hinter dem Haus. Eins war klar: So können wir hier nicht weiterleben!

Aber jeden Abend, wenn es dämmerte, kamen alte und junge Leute aus dem Dorf, um nach uns zu sehen. Sie sangen ihre alten Kirchenlieder, bis wir fast mitsingen konnten. Am Ende, wenn es schon lange dunkel war, segneten sie uns und beteten für uns und unsere Kinder in Europa.

Wie alle Weißen waren wir ja als Belehrende nach Zaire gekommen, um zu bauen und zu helfen. Aber jetzt wurden wir plötzlich deren Kinder, denen sie helfen mussten. Hilfloser als wir konnte aber auch kaum jemand sein… Nie werden wir vergessen, wie Nachbar Itaka uns zeigte, dass wir in der Bibel Psalm 146 lesen sollten. Wir lasen – und Itaka kommentierte: Der HERR behütet die Fremdlinge. – „Das hat er getan. Ihr lebt noch!“ Er erhält Waisen und Witwen. – „Eure Kinder sind wie Waisen in Europa, und er erhält sie!“ Die Gottlosen führt er in die Irre. – „Die Banditen schossen, als ihr gerade draußen wart!“ Der HERR ist König ewiglich. – „Darauf könnt ihr euch immer und ewig verlassen!“

Wir sahen, dass es pechschwarze Engel gibt, ganz und gar ohne Flügel auf dem Rücken.

1982 sind wir mitten im Urwald so liebevoll integriert worden, und damals ist da mehr als nur Freundschaft entstanden.

Einheimische, Flüchtlinge und Asylanten brauchen doch mehr als nur Wohnung und Arbeit. Elisabeth und ich haben damals etwas von der Energie gespürt, die in ganz einfachen gesprochenen und gesungenen Gebeten steckt. Von dieser Erfahrung leben wir immer noch.

Wir wünschen allen für 2016 auch eine ganz neue Gebetserfahrung.

Peter Gohl