220 Pastoren kamen mit Fahrrädern oder in Einbäumen viele hundert Kilometer aus dem Urwald zur Generalversammlung der Kirche. 

Richard (Verantwortlicher der Cadelu-Kirche für Diakonie und Vertrauensmann von Peter Gohl im Kongo, d. Red.) durfte da jetzt seine Arbeit vorstellen und erklären, dass praktische Nächstenliebe Christenpflicht sei, Singen und Beten alleine wohl zu wenig seien. Nachher sagten alle zu, dass sie ab sofort in ihren Gemeinden Bedürftigen helfen wollen. Fünf Kirchenkreise verpflichteten sich sogar, Richards Reise und andere Kosten mit zu tragen. Das ist da jetzt ganz neu. Menschen mit einem Herz für andere gibt es da wie hier, aber dass Nächstenliebe Glaubensergebnis und Gottesdienst ist, das war total neu. 

Angefangen hatte alles 2002 zur Zeit der Rebellen, als Gott mich durch die Gemeinde Kelzenberg nach Basankusu schickte. Damals waren alle traumatisiert und völlig arm und abgeschnitten von aller Versorgung. Aber die Gottesdienste waren überfüllt und dauerten endlos lang. Ich habe damals böse gefragt: „Denkt ihr, dass Gott eure getanzten Gesänge und diese superlangen Gebete in der Kirche erhört – oder hört er eher das Jammern der hungrigen Witwen und Waisenkinder draußen?“ 

Gute Menschen hier in Deutschland haben mir aber immer Geld geschickt, damit ich auch helfen konnte. Und Richard und andere haben Hütten für Obdachlose gebaut. Irgendwann später meinte dann mal der Oberhäuptling der Kirche, ob man daraus nicht eine Abteilung Diakonie machen könne, wie die Europäer das so haben. Das war ein zweiter Schritt, und ‚le département diaconie‘ wurde eröffnet, und Richard bekam einen Platz im Kirchenbüro. Ich habe vergessen, wie vielen kranken, behinderten Kindern und Erwachsenen wir haben helfen können. Finanziell war aber alles total von mir abhängig und natürlich den Spendern hier. 

So habe ich angefangen, rum zu stänkern: „Ich bin alt und am Sterben, und eure schöne Diakonie stirbt bald automatisch mit mir!“ Das rief absolutes Unverständnis bei allen hervor. Mit Lebensmitteln könnte die Kirche helfen, aber Geld kam ausnahmslos nur aus Europa. Ich habe mich oft geschämt, als Deutscher knauserig zu sein, und von so armen Leuten Geld zu erwarten. Aber anders bleiben sie ewig von Weißen abhängig. 

So habe ich fast 16 Jahre lang mit allen nur rumgezankt und immer geschrieben: „Nur wenn du auch was gibst, werde ich deinem Kranken helfen!“ Das war oft riskant, wenn es um Leben und Tod ging. Gut, dass ich mindestens so beten kann wie die da, und bis jetzt ist auch noch alles halbwegs gut gegangen. 

Richard muss in seiner neuen Position jetzt aber ständig Dampf machen, dass die Versprechen auch umgesetzt werden. Sonst ist doch alles wieder umsonst.

So hat sich still und leise etwas entwickelt, wofür ich nichts konnte. Und wie das mal weitergeht, weiß nur der, der bisher alles so zusammengefügt hat.                

Peter Gohl

Über Mado, Fifi und Fatou habe ich schon öfters berichtet. Sie haben mal mit zwei Kindern angefangen und dann langsam eine ganz neue Schule entwickelt. 

Jetzt haben sie bereits einige Jahre neben ihrem Studium 15 Waisenkinder, die nichts bezahlen konnten, in Lesen, Schreiben und ganz einfachem Rechnen jeweils sechs Monate lang unterrichtet.

Wie viele Kinder insgesamt davon profitieren werden, weiß ich nicht. Es bedeutet ja schon viel, wenn die Kinder mal auf dem Markt die Preise lesen können. Aber einige können auch schon mehr.

Aber dann hingen sie mir voriges Jahr dauernd in den Ohren, dass im Stadtviertel Bongondjo unendlich viele Kinder nicht zur Schule gehen können, nur weil sie zu arm sind.

Sie wollten eine Schule für 60 Kinder bauen. Erfahrung hatten sie, und ich die Zweifel. „Baut ein Provisorium und fangt mal an, ich sorge dann für Geld“, sagte ich, und sie fingen an zu bauen. Alle wollten da lernen, und es gab einen Tumult, bis Pastor Jérémie einschreiten musste. Aber sie bauten eine funktionierende Schule und der Unterricht lief gut an. Kaum war die Schule fertig, wurde ich an mein Versprechen erinnert, und sie fingen schon mal an, aus einem Termitenhügel Ziegel zu formen. 

Als das Dach fertig war, gab es ein Fest und die Waisenkinder tanzten vor Freude, denn nur ganz Reiche haben ein dichtes Wellblechdach. Als später die Maurer kamen, wollten alle Kinder helfen und selbst die Allerkleinsten schleppten Steine für ihre eigene, ganz neue Schule.

Vor lauter Freude kamen die Kinder jeden Tag, und irgendwie und -wo ist auch der Unterricht weiter gegangen. Irgendwann wurde auch der letzte Lehmziegel vermauert. Holz, Wellbleche und Nägel fürs Dach und Zement für das Fundament habe ich bezahlt, alles andere schafften Pastor Jérémies Freunde und die Kirche selber. Toiletten, Fenster, Türen und vernünftige Bänke für die Kinder habe ich noch versprochen.

Aber die Kinder sind nicht verwöhnt, denn sie kommen aus ganz anderen Behausungen. Ich hab ja nur am PC gesessen. Geld kam einfach. Es gab keinen Unfall am Bau, aber Kulunabanditen, Aufstände und die Ebolaseuche in der Stadt. Wenn Gott da nicht ein paar Wunder gemacht hat, bin ich doof oder total altmodisch.      

Peter Gohl

Im Zaïre-Kongo haben Elisabeth und ich, vor allem zu Beginn unserer Missionszeit, lange getrauert, denn unsere beiden Jungs waren so weit weg in Deutschland.

Damals habe ich von Jesus in meiner Bibel gelesen: „Jeder, der Haus oder Kinder oder so um meinetwillen verlässt, bekommt das hundertfach zurück, jetzt und in der zukünftigen Welt!“

Wir wollten aber absolut keinen Kindertausch. Auch nicht 2:200, weder jetzt, noch später mal im Himmel. Ein paar hundert Kinder haben wir trotzdem gekriegt. Beispiel Inyoloto: Er war der Waisenjunge im Dorf. 

Damals hat er Elisabeth den kleinen Hund angedreht. Inyoloto hatte drei Väter: Den alten Indjembo, bei dem schlief er oft, bei Papa Itaka bekam er Essen, und ich war zum Bezahlen da: Hosen, Hemden, Doktor und Jahr für Jahr das Schulgeld. Das war aber Quatsch, denn spätestens nach einer Woche Unterricht war er immer wieder frei und verkündete: „Der Lehrer ist bekloppt. Der kann mich mal!“ Alle Erziehung scheiterte total, aber Indjembo, Itaka und ich haben immer mal für den Jungen gebetet. Irgendwann kam er ja auch in meine Bautruppe. Das lief anfangs wirklich gut. Er bekam die Krawatte von mir, wie alle anderen. Aber bald hieß es: Der ist zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen! Marihuana brachte ihn dahin, dass er sogar ein Paket Nägel klaute. Gold und Diamanten findet man im Urwald, aber keine Nägel und Schrauben. So haben wir uns dann total krass auseinandergelebt. Ja, ja, ich habe auch oft falsch gehandelt. Aber vergessen konnte ich Inyoloto nie.

Viele Jahre später haben Elisabeth und ich ihn mal im Dschungel in seiner Eigenbauhütte gefunden, wo er mit einem Mädchen bereits zwei Kinder hatte. Aber sonst gar nichts! Elisabeth schenkte dem Pärchen damals den ersten Kochtopf und ich ein Buschmesser. Darüber waren die so was von überglücklich. Das ist alles lange her, aber jetzt kamen Brief und Foto.

Man muss ja nicht die besten Jahre des Lebens in einer Schule vergammeln, und so ein Typ findet auch jemanden, der schreiben kann: „Papa Mokili (wie Peter Gohl im Kongo genannt wurde, die Red.), ich bitte dich heute im Namen Jesu, mir zu helfen. Ich habe auf beiden Seiten einen Leistenbruch und seit Ende März solche Schmerzen, dass ich nichts arbeiten kann. Ich habe kein Geld für die Operation, die 200 $ kosten soll. Gruß, ich, dein Kind Inyoloto.“

Misstrauisch habe ich nachgefragt: „Macht Inyoloto jetzt auf fromm, wenn er Geld will?“ Botay, der Schreiber, hat geantwortet: „Inyoloto ist immer noch Inyoloto. Er macht Holzkohle, die er in Basankusu verkauft. Aber jeden Sonntag siehst du ihn in der Kirche. Er singt im Chor, ist überall hilfsbereit, und er ist immer noch mit der ersten Frau zusammen. Sie haben eine Menge Kinder, und, oh Wunder, er schickt einige sogar zur Schule!“

Erziehung und Entwicklungshilfe waren erfolglos, aber Beten kann Langzeitwirkung haben! Und ich hab hier alle Hände voll zu tun …                            

Peter Gohl

Schwester Marie Thérèse hat mir von ihrer Not mit armen Frauen geschrieben, die oft ihr Baby in irgendeiner Hütte zur Welt bringen, weil kein Geld da ist, um das Krankenhaus zu bezahlen.

Kürzlich traf die Schwester frisch ausgebildete Geburtshelfer in der Kirche und hat sie gefragt, ob sie denn solchen Frauen nicht auch mal kostenlos helfen könnten. „Das geht nicht. Wenn wir einer Frau kostenlos helfen, dann müssen wir auch allen umsonst helfen. Wovon sollen wir denn dann selber leben“, hieß die Antwort.

Wir haben dann einen Vertrag geschlossen, und ich habe ihr Geld geschickt. Jetzt war sie in der Lage so zu helfen, dass Mama Dely den kleinen Gohlep richtig mit einem Arzt zur Welt bringen konnte. Zudem hat sie auch noch Kleidung und 50 US-Dollar auf die Hand bekommen. Mama Véro hat Zwillinge bekommen und geschrieben:

An Papa Ezali Mokili (Peter Gohl, die Red.),

Ich Mama Véro, ich lebe im Dorf Bakungu. Die Schwester kommt hier oft vorbei. Als sie sah, dass ich schwanger war, fragte sie mich, wann ungefähr und wo ich denn entbinden wolle. Daran hatte ich noch nicht gedacht, aber sie hat mir lange erklärt, was passieren kann, wenn ich das Baby hier bekomme. Manche Frauen sterben mit samt ihrem Baby bei der Geburt. Andere leiden ihr Leben lang, weil zuletzt noch irgendein Heiler mit dem Messer nachhelfen wollte. Ich bekam richtig Angst, aber ich habe ja nichts, nicht mal einen Vater für mein Baby. Da hat die Schwester mich getröstet. Als es bald soweit war, ließ sie mich mit dem Motorrad abholen, und im Krankenhaus habe ich Zwillinge bekommen. Sie hat alles bezahlt, Kleidung und 50 $ habe ich noch mit auf den Weg bekommen.

Sie hat mir auch gesagt, woher das Geld kommt, und ich will dir auch Danke sagen.

Ich habe nichts, was ich dir geben könnte. Aber ich will für dich beten, dass Gott dich und deine ganze Familie segnet.

Ich Mama Véro.

Niemand weiß genau, was mehr bewirkt, unsere Dollars da im Kongo, oder solch ein Segensgebet einer Urwaldfrau für uns hier in Deutschland.

Ich glaube an das Segensgebet.

Peter Gohl

Gestern war ich mit drei Freunden und der Mama Louise, die Essen vorbereitet hatte, im Gefängnis. Jeder Gefangene sollte Essen und auch etwas Geld bekommen. Das durften die Wachleute aber nicht sehen, die würden ihnen das sonst gleich abnehmen. 

Als alle etwas gegessen hatten, haben wir einige Lieder gesungen, worüber sich alle in ihrem Elend sehr gefreut haben. Ich habe aus der Bibel Jesu Worte vorgelesen:

„Ich steh vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür aufmacht, zu dem werde ich reingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir!“

Aber keiner klopft hier an und will zu euch in den Knast.

Doch wir sagen euch, dass Jesus jetzt bei eurem Herz anklopft. Andere Leute können ihr Leben selbst ordnen, die meinen, sie brauchen Jesus nicht. Ich bin kein Pastor, aber ich habe Ahnung. Als es mal ganz finster bei mir war, wusste ich nicht mehr weiter. Da habe ich das Vaterunser gebetet, und ganz speziell: Dein Reich komme, und dein Wille geschehe. Herr Jesus, kannst du nicht helfen und mein Chef werden?

Und er ist gekommen! Lasst uns jetzt alle zusammen das Vaterunser ganz, ganz langsam beten. Da ist alles drin, um die Tür zum Herzen aufzumachen!“

Wir sahen aber auch, dass ein Häftling, Yubela, barfuß, ohne Hemd, nur mit Unterhose, da saß. Yubela hatte einen schlimmen Leistenbruch und starke Schmerzen.Der Colonel von dem Knast war sehr streng. Aber er begriff, dass er Probleme bekommen würde, wenn Yubela in „seinem Haus“ sterben sollte, und er für die Beerdigung und alles sorgen müsste. Also, hat er ihn uns zur Operation freigegeben – unter der Auflage, dass wir ihn sofort wieder abliefern sollten, sobald Yubela nach der OP wieder transportfähig sei. Wir besorgten T-Shirt, Hose und Schuhe, und ich sammelte bei allen frommen und anderen Vereinen Geld, so dass ich dem Doktor schon mal 190 Dollar bar geben konnte. Der hat auf Kredit noch am selben Tag operiert. Ich suche jetzt noch 286 Dollar. Wenn du da noch helfen könntest!

Drei Tage später: Yubela hat bekannt, dass er in seinem Dorf mit Verleumdungen großen Schaden angerichtet hatte. Er will sich dafür entschuldigen und versuchen, wieder gutzumachen. Jesus soll jetzt Chef sein und einen festen Platz bei ihm haben. Als der Colonel das hörte, dass Yubela sich entschuldigt hat, sagte er: „Dann soll er jetzt auch ganz frei sein. Lasst ihn nach Hause gehen!“

Wunder – oder vielleicht doch nicht?

Richard Iyema

Jean Pierre Botay hat mit einem alten Wahlcomputer ein Internet-Café eröffnet und verbindet Basankusu so mit der Außenwelt. Als Lehrer an einer Höheren Schule kann er sich über diese Nebeneinnahme freuen, denn im Moment streiken die Lehrer. Ihr Gehalt von umgerechnet 100 Euro ist durch die Inflation jetzt nur noch 60 Euro wert. Vier schulpflichtige Kinder haben er und seine Frau Marie Jeanne, trotzdem haben sie offene Herzen und Hände für Bedürftige. Und manchmal kann ich da auch helfen.

Jetzt bat Botay um Mithilfe und schrieb: „Zusammen mit fünf Freunden haben wir Geld gesammelt, um dem armen Papa Kenda im Krankenhaus zu helfen. Er sieht so schrecklich aus! Seine Frau ist verrückt. Sie hat Wasser gekocht, und während er schlief, goss sie das heiße Wasser über ihn. Kenda hat hier keine Verwandten. Er war Nachtwächter bei einem auswärtigen Händler. Hier wird ja nur der behandelt, der auch bezahlt. Kannst du nicht auch etwas beisteuern?“

Das konnte ich, und ich habe mal gefragt, was denn jetzt aus der Frau geworden sei. – Die lebt und ist in Sicherheit, sie liegt jetzt im Gefängnis!

Gut zwei Wochen später schrieb Botay: „Ich habe den armen Papa Kenda wieder im Hospital besucht. Er scheint das zu überleben. Die Polizisten waren bei ihm, um ihn zu vernehmen. Jetzt erinnert man sich, dass die Frau das schon mal gemacht hat. 2015 hat sie ihr sechs Monate altes Baby verbrüht. Das Baby ist gestorben. Damals hielt man das für einen Unfall, und alles war bereits vergessen.

Aber ich habe mich jetzt doch sehr über Kenda gewundert. Er bat die Polizisten, ob sie ihm nicht mal seine Frau bringen könnten. „Ich liebe sie so sehr und habe solche Sehnsucht nach ihr.“ Aber die Polizisten mussten ihm sagen, dass sie das nicht könnten. Da hat er sie sehr gebeten, seine Frau doch gut zu behandeln, und sie auf keinen Fall mehr zu schlagen. „Diese Frau ist nicht böse. Sie ist meine große Liebe, und ich habe nur Sehnsucht nach ihr!“

„Jetzt frage ich dich“, schrieb Botay, „wie kann jemand so lieben, oder wo kommt hier solch eine unverständliche Liebe her, die nicht mal mitten im Schmerz endet?“ „Das weiß ich auch nicht“, habe ich zurückgeschrieben, „aber du kannst ja in der Bibel lesen: Liebe ist stark wie der Tod. Niemand entrinnt ihm, keinen gibt er frei, und so unüberwindlich ist auch die Liebe. Ihre Leidenschaft brennt wie ein Feuer. (Das Hohelied 8,6)

Solch eine unverständliche und nicht auszulöschende Liebe erinnert mich in diesem Fall hier direkt an Jesus, der mir all‘ meinen Blödsinn auch immer wieder vergibt.

Peter Gohl

Vor einiger Zeit habe ich eine arme, kranke Witwe mit dem Motorrad in ihr 20 km entferntes Dorf gebracht. Dort sollte sie nun sterben. Hier im Krankenhaus hat der Doktor gesagt, dass ihr Brustkrebs so weit fortgeschritten wäre, dass man nicht mehr operieren könne. So habe ich unterwegs versucht, sie zu trösten. Aber was sind in solch einer Situation schon Worte?

Es war schon dunkel, als ich wieder zurück nach Hause fuhr. Im Dschungel zwischen Bakungu und Ikau muss man auf der Brücke den Bonokobach überqueren. Als ich das Motorrad aussetze, um es rüberzuschieben, hörte ich aus dem Gebüsch eine Frau ganz jämmerlich um Hilfe schreien. Durchs Gestrüpp suchte ich einen Weg, um zu sehen, was da wäre. Plötzlich standen zwei Banditen mit Gewehr und Buschmessern vor mir, und einer griff mir sofort an die Kehle und stieß mich in den Bonoko, der gerade Hochwasser hatte. Mit meinen Gummistiefeln konnte ich kaum schwimmen und wurde abgetrieben, bis ich mich irgendwo festhalten konnte.

Ich hatte noch gar nicht begriffen, was passiert war, da hörte ich das Wunder – in Form eines Motorengeräuschs. Es war ein Auto der katholischen Kirche zu dieser späten Stunde, das gerade noch rechtzeitig kam. Und weil mein Motorrad da im Weg stand, stiegen die Priester aus. Ich schrie um Hilfe, und sie hörten auch die Frau jammern. Die Banditen flüchteten, und die Priester halfen mir aus dem Wasser. Sie bargen auch die arg zugerichtete Frau. Ein Bein schien gebrochen zu sein. Mein Motorrad kam auf die Ladefläche des Autos. Ich war zwar klatschnass, aber ganz und gar unverletzt.

Die Frau kam ins Krankenhaus, und die Polizei wollte sich um die Aufklärung des Überfalls bemühen.

Zu Hause habe ich erst mal alles meiner Nanella erzählt und dabei erst begriffen, in welcher Gefahr ich mich befunden hatte. Und dann erkannte ich plötzlich, wie nah Gott mir doch ist, um mich in alle dem zu bewahren. Nanella jammerte und half mir aus den nassen Sachen. Aber ich will bis ans Ende nicht mehr zweifeln und nicht aufhören, Gott zu danken. Ganz sicher war er mir da an der Brücke näher als je in irgendeiner Kirche.

Bevor ich dir diesen Brief schreibe, war ich im Krankenhaus und bin ganz entsetzt. Rose Mbondi heißt die Ärmste, ist 29 Jahre alt vom Ngombestamm, katholisch. Ihre Eltern wurden von den Rebellen ermordet. Eine Oma hat ihr und ihrem Bruder geholfen. Sie hatte Fische gekauft, um sie weiter zu verkaufen, damit der Bruder zur Sekundarschule gehen kann. Auf dem Weg ist es dann passiert. Sie wurde überfallen. Besonders schlimm sind ihre mutwilligen Verletzungen im Unterleib. Ich habe Gott bei ihr am Bett gedankt, dass wir noch lebendig sind und habe versprochen, irgendwoher Geld für ihre Operation zu besorgen.

Psalm 68,21: Wir haben einen Gott, der hilft und der vom Tod errettet. Das ist jetzt auch mein Psalm.

Ich, Richard Iyema.

Fifi, Mado und Fanny haben ihren eigenen Lehrplan in der Unterweisung in ihrer Spezialschule für Waisenkinder bei Mbandaka. Jetzt haben sie mir unter anderem geschrieben: 

Tata Mokili (liebevolle Anrede für Peter Gohl von seinen Freunden im Kongo, die Red.), Eddy macht Probleme. Seine Mama ist schon früh gestorben. Einen Vater gab es nie. Katholische Schwestern haben das Baby aufgenommen.

Als Eddy aber fünf Jahre alt war, übernahm ihn eine Tante, weil die Schwestern ja nur Babys und Kleinkinder versorgen können.

Die Tante ist arm und war immer froh, wenn sie und Eddy jeden Tag mal etwas zu essen fanden. Aber solche Kinder können hier ja niemals zur Schule gehen.

Eddy lebte wild auf der Straße, aber mit zwölf Jahren kam er dann zu uns, um noch Lesen und

Schreiben zu lernen. Wir lieben ihn sehr. Er ist wirklich intelligent und kommt gerne zur Schule. Er hat eine gute Auffassungsgabe und war schnell Klassenbester. Aber dann hat er schon mal schlimme Tage. Er kommt dann und hat Heft und Stift verloren, beschimpft die anderen Kinder und auch uns Lehrerinnen. Anderen Kindern brach er kürzlich ihren Stift durch und einem Kleinen hat er das teure Heft zerrissen. Zuletzt läuft er dann schimpfend raus. Neulich hat er gar Steine auf unsere Wellblechschule geworfen und ein Kind dabei verletzt.

In den anderen Schulen herrscht der Stock, und er würde da stillgeprügelt. Aber das können wir doch nicht. Die Kinder haben schon so viel Schlimmes erlebt. Manchmal reden wir so oder auch ganz leise mit Eddy. Er hat doch einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen. Letztendlich suchen wir dann Geld und kaufen ihm wieder ein neues Heft und einen neuen Stift. Es ist doch unsere große Sorge, dass er wenigstens Schreiben und etwas Rechnen lernt. Mit diesen ärmlichen Kenntnissen müssen wir ihn dann ja auch im Juli, wenn dieser Kurs zu Ende geht, wieder entlassen.

Ganz viele Grüße, deine FiMaFa.

Die Liebe gibt nie jemanden auf, sie erträgt alles und glaubt alles, sie hofft immer und erduldet alles mit Geduld. – So steht es in der Bibel.

Und Johann Strauß hat gesungen: Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht!

Ich beneide Menschen, die lieben können, obwohl sie beschimpft und geärgert werden. Man kann ja lieb sein, aber wirklich mit dem Herzen lieben, das ist ein Geschenk von Gott.

Wir alle haben ja unsere Grenzen, diese Mädchen auch, und so hoffe und bete ich, dass sie da im Kongo noch lange so oder ähnlich lieben können.

Peter Gohl

Das Leben im Kongo ist nicht nur traurig, aber immer ganz ernst nehmen darf man es erst recht nicht. Am kältesten ist es auf dem Friedhof, und weil gleich zwei gute Freunde von uns in letzter Zeit beerdigt wurden, habe ich mal an Richard im Kongo geschrieben.

„Ich hau hier ab und versteck mich bei euch. Es ist mir hier erstens zu kalt, und zweitens wird hier im Moment gestorben. Ich bin jetzt 80, und wer weiß, wer hier jetzt der Nächste ist.“

Prompt schrieb Richard zurück

„Wir freuen uns alle, wenn du endlich mal wieder kommst. Aber vor dem Tod kannst du dich auch hier nicht verstecken, weil hier ja auch alle mal sterben. Wenn du aber trotzdem versuchen willst, vor dem Tod zu flüchten, bist du so bekloppt wie das alte Krokodil, das sich am Ufer sonnte und plötzlich eine dicke schwarze Wolke über sich sah. Aus Angst, vom Regen nass zu werden, ist es schnell in den Fluss gesprungen, wo es immer meinte, sicher zu sein! Ihr in Europa wollt gerne unser schönes Sonnenwetter haben. Vor allem jetzt in der Trockenzeit, wenn die Kinder auf den großen Sandbänken im Fluss spielen und die Frauen so viele Fische aus den Pfützen und Teichen im Dschungel holen, dass man sie gar nicht alle essen kann. Gott gibt uns Sonne satt und versorgt uns gut hier, und wenn die Fische fertig sind, kommt die Zeit der leckeren Binzuraupen. Eine Saison kommt immer nach der anderen, mal mehr und auch mal weniger.“

Richard hat aber auch noch geschrieben, dass wir Europäer doll auf die Sonne seien und gerne nach Süden reisen würden. Sie, die Menschen im Kongo, seien aber fasziniert von der Technik und allem hier bei uns, und sie flögen am liebsten alle nach Norden. Afrikaner denken, hier im Norden wäre das Paradies oder sogar der Himmel.

Komisch, jeder will unbedingt das haben, was er gerade nicht hat!

Zu wem hat Jesus früher wohl mal gesagt: Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Es ist doch genug, dass jeder Tag seine eigene Last mit sich bringt.

Ich bleib, wenn ER will, jedenfalls erst mal noch hier.

Peter Gohl

Bei uns Zuhause im Wohnzimmer in Wermelskirchen erinnert uns eine Konga nicht nur an Daddy. Solch ein Kupferring wiegt über zwei Kilogramm. Kongas machen im Urwald das Familienvermögen aus. Und eine Konga hat den Wert eines Menschenlebens. Wenn jemand ermordet wird, gibt man zuletzt eine Konga an die geschädigte Sippe. 

Zwei Leute heiraten nicht alleine, sondern ihre Sippen. Bei der großen Hochzeitsfeier gibt der Vater dem Bräutigam eine Konga und sagt: „Mein Sohn ist ein zuverlässiger Mann. Seht, ich vertraue ihm unser Vermögen an!“ Der Sohn gibt sie seiner Braut: „Ich liebe diese Frau und gebe ihr hier das Wertvollste, was ich habe!“ Die Braut wiederum gibt sie ihrem Vater und sagt: „Ich liebe diesen Mann und gehe mit ihm weg, aber ich gehöre immer zu euch. Diese Konga soll bei euch immer als mein Zeichen bleiben!“

Daddy lebte in Ikau als Nachbarkind von uns, das allerdings niemand haben wollte. Er lag dauernd kurz vor dem Sterben, und er hatte nicht mal einen richtigen Namen. Elisabeth hat sich dann über ihn erbarmt und ihn so lange behandelt, bis man ihn richtig knuddeln und knutschen konnte. Wir liebten ihn wie ein eigens Kind. Später wollte Elisabeth, dass Daddy mit uns nach Deutschland kommt. Aber ich war dagegen. Deutschland wäre sicherlich schlecht für ein lernbehindertes schwarzes Kind. Und dabei gab es die Pegida damals noch nicht einmal.

Mama Nsimba, eine Lehrerin aus dem Bongandostamm, 600 Kilometer weit von Ikau entfernt, hat ihn schließlich adoptiert. Und ich brauchte alle meine Überwindung, den Jungen dahin zu bringen und ihn dann auch wirklich dazulassen. Nicht mal seinen Hund gibt man so weg. Aber Mama Nsimbas Sippe hat ihn in einer schönen Zeremonie feierlich aufgenommen. Zuletzt ist der alte Bofaso aufgestanden und wollte mir diese Konga geben, aber ich lehnte ab, weil ich ja schon längst verheiratet war. „Nein, du sollst die Konga nehmen, denn du hast uns deinen Jungen gegeben, den du so liebst. Du hast uns ein Menschenleben gegeben. Dieser Junge bleibt bei uns als Zeichen deines Vertrauens zu uns, und die Konga soll bei dir in Europa immer das Zeichen unserer Verbundenheit bleiben. Eine Konga rostet oder verfault nie. Geld verliert seinen Wert, aber die Konga hält immer den Wert eines Menschenlebens.“ Dann sagte er noch: „Eine andere Sache hat ebenso viel Wert. Lies in der Bibel: Christus hat dich losgekauft, und das nicht mit vergänglichem Papiergeld oder Silber oder Gold, sondern mit seinem eigenen wertvollen Blut! Wenn Sorgen oder böse Fehler dich mal belasten, schau auf die Konga. Sie ist unser Preis für den Jungen. Aber Jesu Blut ist der Preis für dich, und du gehörst so immer Jesus!“ Mit der Konga und diesem Spruch bin ich dann die 600 km Dschungelpfade alleine mit dem Motorrad zurück gecrosst und empfand eine Sicherheit, als ob ich eine ganze Kompanie Engel als Bodyguards hätte und in Deutschland auf der A1 unterwegs wäre.

Dann kam Ende der 1990er Jahre der Krieg in unser Gebiet im Kongo. Nach 19 Jahren Trennung habe ich Daddy schließlich wieder getroffen. Er hatte inzwischen eine Frau und ein kleines Mädchen. Sie leben von ihren Maniokfeldern.

Heute erinnert mich die Konga in unserem Wohnzimmer an Daddy und Bofasos Spruch: Ich bin frei durch und für Christus. Da kann ich doch nur noch sagen: Ich bin denn mal so frei!

Peter Gohl