Zu Jesus kommt eines Tages ein junger Mann mit der aufrichtigen Frage, wodurch er sich das ewige Leben erarbeiten könne. Als Jesus ihm sagt, dass er die Gebote halten soll, fragt er nochmal genauer nach: „Welche Gebote?“

Im Judentum hatte sich im Laufe einiger Jahrhunderte nämlich eine Heilslehre entwickelt, bei der eine große Fülle von Geboten, Ritualen und Verhaltensregeln das Leben der Menschen bestimmen sollte.

Jesus zählt ihm dann auf: „Du sollst nicht töten! Du sollst die Ehe nicht brechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst keine falschen Aussagen machen! Ehre Vater und Mutter! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“

Ich finde es erstaunlich, was der Mann dann antwortet: „Das alles habe ich befolgt. Was muss ich noch tun?“ Es ist erstaunlich aus zwei Gründen. Zum einen, mit welcher Selbstverständlichkeit er sagt, dass er diese Gebote gehalten hat. Zum anderen, dass er offensichtlich spürt, dass das, was er erreicht hat, noch nicht alles sein kann. Irgendwie spürt er, dass es noch mehr geben muss. Er lässt diese Empfindung zu und hofft jetzt, von Jesus darauf eine Antwort zu erhalten. Allerdings trifft es ihn hart, als Jesus ihm erklärt, auf welchem Weg er das Glück seines Lebens finden wird: „Wenn du vollkommen sein willst, geh los, verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen. So wirst du einen unverlierbaren Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir!“ (Matth.19,16-22).

Woran hängt deine Sicherheit?

Diese wirklich herausfordernde Ansage ist nicht dadurch begründet, dass Jesus etwas gegen Reichtum oder gar gegen Reiche hätte. In der Bibel werden immer wieder Personen beschrieben, die durch Gottes Segnungen schwer reich geworden sind. Vielmehr geht es hier darum, dass das Herz dieses Mannes davon befreit wird, seine Sicherheit, sein Vertrauen auf den Reichtum zu setzen. Er ging betrübt von Jesus weg. Zumindest hier, in diesem Moment, war er noch nicht dazu bereit, sich von seinem Vermögen zu trennen.

Mercedes oder Panda?

Die Frage ist also nicht: Ist Geld gut oder schlecht, soll man besser reich oder arm sein, besitzen wir zu viel oder doch nicht genug, würde Jesus, wenn Er heute als Mensch auf der Erde wäre, einen Mercedes fahren oder doch eher einen Fiat Panda? Entscheidend ist letztlich, womit mein Herz, die zentrale Mitte meiner Persönlichkeit, ausgefüllt ist. Denn es ist eine Gesetzmäßigkeit: Das, was mich erfüllt, was mich fasziniert, was ich attraktiv finde und für wertvoll und wichtig halte, das hat Macht über mich. Was mein Herz erfüllt, wird ausschlaggebend dafür sein, in welche Richtung ich mich entwickele. Entscheidungen, die ich zu treffen habe, werden gesteuert sein von den Werten, die ich verinnerlicht habe.

Was ist deine Herzensache?

Wenn Jesus sagt: „Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen! Entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben. Oder er wird dem einen treu sein und den anderen verachten. Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott und dem Geld dienen!“ (Matth. 6, 24), dann will er bewirken, dass wir Klarheit gewinnen darüber, was unser Herz ausfüllt und damit über uns bestimmt.  In dem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass Er hier von zwei Herren spricht, also dem Geld förmlich einen personalen Charakter zuschreibt. Dieser Herr, der hinter dem materialistischen Streben verborgen ist, wird nie Zufriedenheit bewirken, sondern immer weitere Wünsche erregen. Dabei ist es eigentlich unvernünftig, viel Zeit und Kraft in etwas zu investieren, was unter dem Strich unsere Lebensqualität nur geringfügig steigert. Wenn wir unser Leben vom Ende her überdenken, also vom Tod, kann das helfen, die Prioritäten heute richtig zu setzen.

Wenn Menschen in lebensbedrohliche Extremsituationen kommen, durch Krankheit oder Unfall plötzlich mit dem Tod konfrontiert werden, dann stellt sich für manche überraschend heraus, dass Dinge, die bis dahin so sehr wichtig schienen, auf einmal keine Bedeutung mehr haben: Das sportliche Auto, das schicke neue Bad, die Gehaltserhöhung, der berufliche Aufstieg, usw.

Was sich angesichts des Todes als wichtig enthüllt, was man gesagt oder nicht gesagt hat, wie man mit seinem Partner umgegangen ist, was man jetzt nicht mehr nachholen kann, die Erkenntnis, dass Beziehungen weitaus bedeutender sind als Besitz usw., das hat logischerweise also auch schon jetzt im Hier und Heute und ohne Lebensbedrohung höchste Priorität. Nur, dass es viel schwerer ist, angesichts einer Überfülle von verlockenden Angeboten zu diesen grundsätzlich sinnvollen Zusammenhängen durchzudringen.

Genau das wollte Jesus mit seiner radikalen Ansage an den jungen Mann bewirken: Setze heute deine Prioritäten so, dass sie die ewigen, unzerstörbaren Werte einschließen. Gott wartet sehnlichst darauf, dass wir mit Ihm in eine vertrauensvolle Beziehung kommen. In dieser Beziehung wird Er uns einen Glauben schenken, der bewirkt, dass wir die ewigen Werte bewusst und deutlich wahrnehmen können. Das wird materiellen Dingen den angemessenen Stellenwert geben. Dann werden sie dem Leben mit Gott nicht im Wege stehen.

Gerd Reschke