Jesus war definitiv Minimalist, hatte seine Prioritäten klar. Aber er hat auch gefeiert und gut gegessen, alles zu seiner Zeit. Und er war ein Beziehungsmensch.

In der Bergpredigt bringt er es auf den Punkt: „Häuft keine Schätze auf der Erde an – wo Motten und Würmer sie fressen und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sondern häuft eure Schätze im Himmel an – wo weder Motten noch Würmer sie fressen und wo keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ (Matth. 6, 19-21, BasisBibel)

Was ist Minimalismus?

Der Minimalismus von heute hat wenig mit der Bewegung der „Alternativen“ und Hippies in den 70er und 80er Jahren zu tun. Er ist hochgradig individuell, kommt oft aber nicht immer schick und ästhetisch daher. Auch jemand mit Tausenden von Büchern kann Minimalist sein. Jeder hat das, was er schätzt und braucht. Und das ändert sich in den vielen Jahren eines Lebens: Die Dinge und Bücher, die ich mit Zwanzig hatte (und die heute immer noch in meinem Leben sind und es verstopfen), entsprechen mir, meinen Interessen und meinem Lebensstil heute nicht mehr unbedingt. Ich sollte sie gehen lassen und Raum schaffen für Neues oder Nichts. Es geht im Kern um Selbsterkenntnis und Selbstbeschränkung in Zeiten des Überflusses, allgegenwärtigen Konsums und kaum vermeidbarer Reizüberflutung. Es gibt unter den heutigen Minimalisten viele Christen. In Deutschland wurde um die Jahrhundertwende mit der Simplify Your Life-Bewegung des Pastors Werner Tiki Küstenmacher eine große Welle losgetreten. Zuletzt hat Willow Creek Pastor Bill Hybels 2014 mit seinem Simplify-Buch alle Lebensbereiche unter die Lupe genommen, um Leuten zu einem guten und gesunden Leben zu verhelfen.

Was bringt Minimalismus?

Minimalismus befreit vor allem die Seele und das in mehrfacher Hinsicht: Eine Komponente ist das Ausbrechen aus dem Hamsterrad des Immer-Mehr-machen-und-haben-Müssens, des Materialismus und Konsumismus. Immer mehr arbeiten, um immer mehr konsumieren zu können, diese Gleichung mit ihren Variablen Angst, Burn Out und Depression möchten viele nicht mehr täglich lösen. Eine weitere Komponente ist das Lebensgefühl im Zuhause. Häuser und Wohnungen, die vollgestopft sind mit dem, was sich in vielen Jahren und Jahrzehnten angesammelt hat, nehmen einem die Luft zum Atmen, behindern Erholung, freie Entfaltung und Kreativität, weil sie negative Gefühle hervorrufen („Das Geschirr hat doch Uroma gehört. Ich finde es hässlich und benutze es nicht.“ – „Das war doch ein Geschenk, aber ich mag es gar nicht.“) und unendlich viel Zeit für Instandhaltung – konkret Aufräumen, Organisieren und Putzen – erfordern. Dann ist da der finanzielle Aspekt: Wenn man weniger Geld für ungeplanten Konsum und Spontankäufe ausgibt, hat man mehr für Dinge, die einem wirklich wichtig sind – wie Erlebnisse oder Reisen.

Die Schritte zum Minimalismus Entrümpeln:

Ein millionenfacher Megaseller ist das Buch der Japanerin Marie Kondo mit dem vielsagenden Titel „The Life-Changing Magic of Tidying“ oder auf Deutsch „Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“. Marie Kondo war von Kindheit an fasziniert vom Ordnen und Organisieren. Irgendwann ist ihr klar geworden, dass Entrümpeln und Aussortieren der Schlüssel zu einem geordneten Leben ist – ein Zuviel lässt sich nicht ordnen. Ihr Credo ist: Aufräumen macht man einmal im Leben, dann herrscht für immer Ordnung. Sie geht dabei nicht Raum für Raum vor, sondern in Kategorien. Zum Beispiel trägt sie alle, ja wirklich alle Kleidung aus dem ganzen Haus auf einem Stapel zusammen. Erschreckend und überwältigend, was da zusammenkommt. Sie nimmt jedes Teil in die Hand und stellt die Frage, ob es Freude macht („Does this spark joy?“). Nur Kleidungsstücke, die Freude machen, in denen man sich gut, schön und wohl fühlt, dürfen bleiben. Es ist übrigens wissenschaftlich erwiesen, dass man nur 20 % seines Kleiderschrankes 80 % der Zeit trägt. Und so geht sie alle Kategorien des Besitzes durch wie Bücher und Unterlagen, sentimentale Erinnerungsstücke, Küchen- und andere Utensilien… Sie bedankt sich bei den Dingen, die sie gehen lässt (schon etwas schräg) und führt sie, wenn gut erhalten, neuer Nutzung zu (wohltätige Organisationen), so dass sie anderen Menschen vielleicht Freude machen können.

Organisieren:
Jedes Ding hat seinen Platz. So findet man es, wenn man es braucht und vermeidet Mehrfachkäufe.

Planen:
Was brauche ich, was wünsche ich mir? Wenn man Wünsche aufschreibt und sacken lässt, verschwinden viele nach ein paar Tagen. Spontankäufe, die sich als Fehlkäufe oder schlicht unnötig erweisen, werden minimiert. Dies ist auch wichtig für das Halten von Ordnung. Man kann zum Beispiel mit sich vereinbaren, dass für ein neues Teil ein altes gehen muss, um eine erneute Ansammlung zu vermeiden.

Lebensbereiche:
Bill Hybels geht das Thema noch ganzheitlicher an. In seinem Buch „Simplify“ untersucht er, wie man seine Energiereserven wieder auffüllt, seinen Kalender entmüllt, seine Finanzen ordnet, seine Berufung im Beruf findet, Vergebung lebt, Ängste überwindet, Beziehungskreise ordnet, Gottes Stimme wahrnimmt und neue Jahreszeiten im eigenen Leben willkommen heißt.

 

Kirstin Rappmund-Gerwers