Die Bibel berichtet von Menschen, deren Leben Gott dann zum Blühen bringt, wenn man eher an Ruhestand, Pflegeheim oder gar Rollstuhl denken würde. Offensichtlich ist das Lebensalter eines Menschen für Gott kein Hindernis, wenn Er Seine Pläne verwirklichen will.

Ein sehr ergiebiges Lebensbild ist der umfangreiche Bericht über den Gottesmann Mose. Er ist 80 Jahre alt, als Gott ihm den Auftrag gibt, sich der damaligen Weltmacht Ägypten entgegen zu stellen. Mose sollte das Volk der Hebräer, die als Sklaven in Ägypten unterdrückt wurden, aus der Gewalt dieses mächtigen Staates befreien. Die Vorstellung ist, ehrlich gesagt, völlig absurd: Ein achtzigjähriger Opa ohne Waffen, ohne Armee, ohne Unterstützung irgendeiner weltlichen Macht, geht zum göttlichen Herrscher dieses uralten Weltreiches! (Das war ägyptisches Selbstverständnis: der Pharao ist Gott!) Und fordert von ihm, er solle seine Sklaven herausgeben, weil Gott ihn dazu beauftragt hat. Aber Mose lässt sich auf diesen Auftrag von Gott ein. Und am Ende zieht das ganze riesige Volk der Hebräer aus Ägypten los und die ägyptische Armee erlebt eine vernichtende Niederlage. Nachzulesen im zweiten Buch Mose.

Ein anderer Mann, der mich immer wieder fasziniert, ist der Freund von Josua, Kaleb. Josua hatte das Volk der Hebräer nach Kanaan geführt und das Land nach und nach erobert. Beim Auszug aus Ägypten war Kaleb vierzig Jahre alt gewesen. Nun, als sie das Land zu weiten Teilen erobert hatten, sagt Kaleb: Ich bin nun 85 Jahre alt und meine Kraft ist noch immer so, wie sie beim Auszug war! 

Der Bericht über Abram entwirft ebenfalls ein faszinierendes Lebensbild. Als Gott Seine Geschichte mit Abram startet, ist dieser 75 Jahre alt. Er bekommt den Auftrag, seine Koffer zu packen. Nicht für eine Urlaubsreise, sondern endgültig.  Er sollte sein Vaterhaus, seine Verwandtschaft und das sicherlich komfortable Leben in der Stadt Haran für immer verlassen. Wohin sollte die Reise gehen? Das würde Gott ihm unterwegs zeigen. Es ist schon verrückt, worauf Abram sich eingelassen hatte: Er packte tatsächlich alles ein und zog mit einer Karawane von Haran weg. Das Ziel war ihm damals noch nicht bekannt. Wenn seine Freunde und Verwandten ihn fragten: „Wohin brecht ihr eigentlich auf?“ konnte er nur sagen: „Wohin weiß ich noch nicht, ich weiß nur, dass ich los muss!“ So beginnt Abram seine Reise im Vertrauen auf Gottes Führung. Im Zusammenhang mit dem Auftrag los zu gehen, stellt Gott ihm in Aussicht, dass er Vater werden würde. Abram hatte mit seiner Frau Sarai bis zu diesem Zeitpunkt keine Kinder bekommen. Möglicherweise hatten die beiden für sich dieses Thema schon zu den Akten gelegt. Und jetzt kommt Gott mit so einer Perspektive an?

Ich kann mir vorstellen, dass es für die beiden eine emotionale Achterbahnfahrt war, dieses Sehnsuchtsthema im Herbst ihres Lebens wieder aufleuchten zu sehen. Und dann ist es spannend, wie Abram und Gott ihre Freundschaft immer weiter vertiefen durch verschiedene Turbulenzen, Krisen und Rückschläge, aber auch Erfolge und beglückende Erfahrungen. Nur der Kinderwunsch bleibt und bleibt und bleibt dauerhaft unerfüllt. Mehrfach spricht Gott zu Abram und wiederholt sein Versprechen: Du wirst Vater werden und ein ganzes Volk wird deine Nachkommenschaft sein! Das war sicherlich die härteste Prüfung, die Abram für seinen Glauben und die Freundschaft mit Gott ertragen musste. Während dieser Jahre des Wartens auf den Sohn erlebt er die Menopause von Sarai. Und dann musste er eines Tages feststellen, dass seine Fähigkeit, Kinder zu zeugen, ebenfalls vergangen war. 

Im Neuen Testament macht Paulus im Römerbrief einen sehr aufschlussreichen Kommentar zu dieser überaus herausfordernden Situation im Leben Abrams: „Obwohl nichts mehr zu hoffen war, hielt er an der Hoffnung fest und vertraute darauf, dass Gott ihn zum Vater vieler Völker machen werde. Denn Gott hatte zu ihm gesagt: „Deine Nachkommen werden so zahlreich sein wie die Sterne.“ Abraham, fast hundertjährig, wusste genau, dass seine Lebenskraft aufgezehrt und der Mutterschoß Sarais erstorben war. Trotzdem wurde er nicht schwach im Glauben und zweifelte nicht an der Zusage Gottes, vielmehr wurde sein Glaube nur umso fester. Er gab Gott die Ehre und war felsenfest davon überzeugt: Was Gott zusagt, das kann er auch tun.“ (Römer 4,18-21, Gute Nachricht) 

Hier werden die wesentlichen Aspekte der vertrauenden Beziehung zu Gott zusammengefasst:

  • Das Vertrauen auf Gott ist ein wachstümlicher Prozess, der sich entwickelt, je besser man Gott kennenlernt
  • Gottes Größe, Seine Kompetenz, Seine Kreativität und Seine unbegrenzten Möglichkeiten werden in diesem Prozess immer mehr zum stabilisierenden Ankerpunkt im Leben
  • Abram wurde von Gott gezielt in den Grenzbereich geführt, wo er erkennen musste, dass die Verwirklichung von Gottes Plan nicht durch seine Willenskraft oder Fähigkeit geschehen konnte.

Das war in Abrams Leben ein sehr wichtiger Punkt. Als seine natürliche Fähigkeit, noch ein Kind zu zeugen, nicht mehr vorhanden war, musste er sich der Frage stellen: Wie kann es jetzt noch verwirklicht werden? Und da sagt uns der Text, dass Abram Gott die Ehre gab. Das heißt im Klartext: Abram erwartete nichts mehr von sich selbst, und sein Vertrauen richtete sich immer eindeutiger darauf aus, die Verwirklichung von Gottes Versprechen auch aus Seiner Hand zu empfangen! Aufgrund dieses starken Vertrauens auf seinen großen Gott wird Abram von Gott für gerecht erklärt. Es ist nämlich gerecht, wenn wir von Gott erwarten, was Er uns immer wieder zuspricht: Hoffnung, Zukunft, Segen und Frieden. Und wenn wir gleichzeitig uns selbst nicht als die Macher sehen, sondern als Empfänger der Geschenke, die Gott uns gibt. Das Abram angesichts seines hohen Alters diesen Aufbruch ins Gottvertrauen entwickelt hat, macht ihn zum Vorbild des Glaubens für viele Generationen.

Gerd Reschke