„Ich bin der Weg, der zur Wahrheit und zum Leben führt. Einen anderen Weg zum Vater gibt es nicht.“ Joh.14,4

Mit diesem eindeutigen Anspruch, den Jesus für sich heraus nimmt, war Er schon zu Seiner Zeit eine Zumutung für Seine Zuhörer. In der jüdischen Gesellschaft, in der Jesus lebte, hatte sich die Vorstellung entwickelt, dass es nur durch striktes Befolgen einer ganzen Anzahl von Vorschriften möglich sei, Gott gemäß zu leben. Dazu wurde aufgrund der Vielfalt des alltäglichen Lebens über Jahrhunderte hinweg ein ganz umfangreiches Regelwerk ausgearbeitet, welches für möglichst alle Situationen eine Anweisung, Vorschrift oder Regel bereit hielt. Die moralischen Werte in diesem System hatten allerhöchste Priorität, denen alle selbstsüchtigen Neigungen und Interessen rücksichtslos untergeordnet werden sollten. Gottes Heiligkeit war der Maßstab für die eigene Lebensführung. Die Juden sahen sich als von diesem Gott erwähltes Volk, dessen Heiligkeit sie in der Welt zu demonstrieren hatten. Die Vorstellung von Gott war die eines allmächtigen, unnahbaren und gewaltigen, furchteinflößenden Herrschers, der die Menschen für ihren gerechten Lebenswandel belohnt, oder eben für Ungerechtigkeit bestraft. Dabei hatte das Gottesbild durchaus verschiedene Facetten: Er war der Schöpfer des Himmels und der Erde, Er war als König mit unbegrenzter Machtfülle der Herrscher des Volkes Israel, Er war der Richter, Herr über Leben und Tod und am Ende würde Er der Vollstrecker der Strafen über alles Böse sein. Im Zentrum des jüdischen Glaubens stand ganz deutlich das richtige Verhalten.

Als Jesus im jüdischen Volk auftrat, setzte Er durch Sein Predigen und Verhalten neue Prioritäten. In Seinen Worten wurde ein Gott sichtbar, der sich vor allem anderen eine Beziehung zu Seinen Menschen wünscht und sucht. Aus diesem Grunde redete Jesus immer wieder von Gott als dem Vater, Seinem Vater und unserem Vater. Dabei benutzte Er für den Begriff „Vater“ eine Koseform, „Abba“, die die innige, vertrauensvolle Liebe zwischen Vater und Kind zum Ausdruck bringt. In verschiedensten Bildern machte Jesus immer wieder deutlich, dass es Gott, dem Vater, vor allem darum geht, mit Seinen Kindern in eine Herzensbeziehung zu kommen. Die tragfähige Beziehung zwischen dem Vater im Himmel und Seinen Menschen wird zum Fundament einer ganz neuen Möglichkeit, das Leben zu gestalten. Immer wieder wird in den Berichten vom Leben Jesu gezeigt, wie Er sich Menschen zuwendet, die nach gängigen, jüdischen Maßstäben für ungerecht, unwürdig und damit wertlos gehalten wurden. Jesus hatte keinerlei Berührungsängste gegenüber Prostituierten, Aussätzigen, Ausländern, Besessenen und allen möglichen anderen Menschen, die im Judentum als Abschaum galten. In der Begegnung mit ihnen wird immer wieder deutlich, wie wertvoll und wichtig Ihm die Menschen sind. Für Jesus leitet sich der Wert eines Menschen nicht daraus ab, wie viele gerechte und gute Werke dieser getan hat, sondern vielmehr daraus, dass er ein Geschöpf Gottes ist. Erschaffen durch die geniale Kreativität Gottes, ausgestattet mit einzigartigem Potenzial, welches in der Beziehung zum Schöpfer zur Entfaltung kommen soll. Dass Ihm die Menschen wichtig sind, sieht man ganz deutlich daran, wie ernst Jesus ihre persönlichen Nöte nimmt. Die ganze Palette der menschlichen Leiden wird von Ihm gesehen und ernst genommen. Ob es Krankheiten sind, Hunger, lebensbedrohende Umstände oder sogar der Tod, mit teilweise außergewöhnlichen Wundern demonstriert Jesus, wie sehr Ihm die Menschen am Herzen liegen. Wo Trauer, Resignation und Aussichtslosigkeit herrschen, kommt Er mit Hoffnung, Perspektive und Frieden. Jesus predigt und zeigt unmissverständlich, dass für Ihn weder das Alter, Geschlecht, Herkunft oder der moralische Standard eines Menschen zählt. Niemand muss sich durch Askese, eigene Gerechtigkeit oder gutes Verhalten zu Gott hin arbeiten, sondern Gott persönlich kommt in Jesus Christus im wahrsten Sinne des Wortes ohne Rücksicht auf Verluste herab und wendet sich Menschen zu. Der Weg zum Vater ist nicht mühevoll, anstrengend, voller Entbehrungen und Leiden, sondern vielmehr leicht, sehr, sehr nah und für absolut jeden Menschen offen und jederzeit verfügbar. Wer Jesus begegnet, begegnet dem Vater. Wer Jesus hört, hört den Vater. Wer Jesu Worte ernst nimmt, nimmt den Vater ernst. Wer Jesus vertraut, vertraut dem Vater. Wer Jesus ablehnt, lehnt den Vater ab. Es gibt nur ein Hindernis, welches die Beziehung zwischen Gott und Seinen Menschen blockieren kann, nämlich unsere Freiheit zur Entscheidung. Gott wartet auf unser „Ja“ zu Ihm, wenn wir es Ihm nicht geben, wird Er es nie erzwingen.

Für die religiösen Führer im Judentum wurde Jesus zu einer Bedrohung, weil Er ihre Vorstellungen darüber, wie man sich den Weg zu Gott erarbeiten und verdienen muss, komplett aushebelte. Sie sahen ihre ganzen Anstrengungen und moralischen Leistungen in Frage gestellt. Wenn Gott sich tatsächlich den ganz normalen, einfachen Menschen ohne jegliche Voraussetzung zuwendet, wozu hatten sie sich dann ihr Leben lang mit ganzem Ernst und Eifer abgemüht? Das religiöse System, auf dem sie ihre Machtposition begründeten, war in Gefahr zu wanken. Es durfte einfach nicht wahr sein, dass es für Gott keine Rolle spielt, ob jemand nach ihren ausgeklügelten Maßstäben ein Gerechter oder ein Sünder war. Aber anstatt diese, von Jesus ausgesprochene Wahrheit, anzuerkennen, waren sie voller Missgunst. In ihrer Entrüstung gelang es ihnen, die römische Besatzungsmacht davon zu überzeugen, dass dieser Mensch ein Unruhestifter sei, der gekreuzigt werden müsse. In der Bibel wird durch Matthäus davon berichtet, wie Jesus verurteilt wurde und starb. Matth.27,50: „…Jesus schrie noch einmal laut auf und starb. Da zerriss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel von oben bis unten.“ Da geschah also tatsächlich ein echtes Wunder: im zentralen Heiligtum des jüdischen Glaubens wurde die Barriere, die den Zugang zur Wohnung Gottes für das gewöhnliche Volk versperrte, förmlich wie von Gott selbst, also von oben nach unten zerrissen. Gott öffnete Seine Wohnung für jeden Menschen, der Weg zu Ihm ist frei!

Gerd Reschke