Dominik Hille verbrachte eine einjährige Auszeit in Tabgha am Nordwestufer des Sees Genezareth, Israel, um dort in einer Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte zu arbeiten.

Das Leben ist wie ein Weg. Mal verläuft es geradlinig auf angenehmen Pfaden. Du fühlst dich wohl. Wenn du dich ein bisschen anstrengst, kannst du sogar schon dein Ziel erkennen. Es scheint zum Greifen nahe. Immer wieder triffst du Wegbegleiter, die dich ein Stück begleiten; dir deinen Weg erleichtern. Und dann gibt es jene Momente, in denen sich das Leben für einen Abstecher entscheidet. Es verlässt den gemütlichen, sicheren, komfortablen Weg und schickt uns auf den steinigen, manchmal mühseligen Pfad. Es fordert uns heraus. Ungewissheit bleibt zurück. Unser Ziel sehen wir vielleicht nicht mehr direkt. Es ist noch nicht allzu lange her, da hat sich mein Leben für genau einen solchen Abstecher entschieden.

Nach langer Zeit des Studiums und einer intensiven Zeit im Referendariat machte sich in mir eine Unruhe breit. Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob mein Ziel noch klar erkennbar war. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr unterwegs zu sein; auf der Stelle zu verharren. Ich wusste, so kann es nicht weitergehen. Ich entschied mich also für den Abstecher. Runter vom geraden gemütlichen Weg, rein ins Wagnis. Ich wollte mich auf einen neuen Weg in meinem Leben einlassen. Dieser neue Weg, den ich konkret im Januar 2015 einschlug und auf dem ich die nächsten 14 Monate wandeln sollte, führte mich schließlich ins Heilige Land, genauer gesagt nach Tabgha, an das Nordwestufer des See Genezareth in Galiläa. An diesem Ort befindet sich die berühmte Brotvermehrungskirche, die in ihrer jetzigen Gestalt seit 1982 besteht. Sie soll an die wundersame Brot- und Fischvermehrung (Speisung der 5000) erinnern. Seit 1939 wird die Brotvermehrungskirche durch eine deutschsprachige Benediktinergemeinschaft als Priorat (Konvent) betreut. Deren Abteikirche, die Dormitio, befindet sich auf dem Jerusalemer Zionsberg. Während der gesamten Gemeinschaft insgesamt 23 Mönche angehören, leben in Tabgha gerade mal sechs von ihnen.

Das Besondere, das mich an Tabgha fasziniert ist nicht etwa seine Berühmtheit als Ort vieler Wundertaten Jesu, sondern die Vision der dort lebenden Mönche. Nach dem Vorbild der Hingabe Jesu für jeden einzelnen Menschen schuf die Gemeinschaft in den 80er Jahren auf ihrem weitläufigen Klostergelände selbst einen Ort „gelebter“ Nächstenliebe, die Behinderten- und Jugendbegegnungsstätte Beit Noah.

Besonders Menschen, die Wunden aus misslungenem Miteinander und gewaltsamem Gegeneinander von Menschen davongetragen haben, kommen als Gäste ins Beit Noah. Konkret sind das vor allem Kinder und Jugendliche, die Opfer des israelisch-palästinensischen Konfliktes geworden sind und deswegen durch körperliche Behinderungen gekennzeichnet sind. Neben diesen Gästen kommen zudem Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen, für die in der palästinensischen Gesellschaft kein Platz zu sein scheint.

Die Vision des Beit Noah, eine Arche für alle Menschen, gleich welcher Religion oder Herkunft zu sein, ist für mich das beste Beispiel für gelebte Nächstenliebe. Dieser Ort war es, der mich an einer Auszeit in Israel reizte.

Das Leben in Tabgha
Mein Leben in Tabgha war durchweg sehr spannend. Lebte ich in Deutschland alleine in meiner Mietwohnung im schönen und sicheren Aachen, so war ich nun plötzlich Teil einer größeren Gemeinschaft, der „Tabgha Family“, wie sie liebevoll von allen Beteiligten genannt wird. Zu den sechs bereits genannten Mönchen (allesamt zwischen 40 und 80) gesellten sich noch die Gemeinschaft der philippinischen Schwestern, unsere arabischen Mitarbeiter aus Küche, Verwaltung, Pilgerladen und unser deutschsprachiger Hausmeister Nizar, der in diesem ganzen Sprachenwirrwarr oft ein Segen war. Neben den Angestellten gab es schließlich noch uns Volontäre. Insgesamt zu siebt waren wir für den reibungslosen Ablauf der Begegnungsstätte zuständig.

Unsere Hauptaufgabe bestand vor allem darin, Beit Noah für die Besucher vorzubereiten und als Kontaktvolontäre für die Gruppen zur Verfügung zu stehen. Da das Beit Noah ein Selbstversorgerhaus ist, steht den Gästen ein kleiner Lebensmittelladen zur Verfügung, der ebenfalls durch uns betreut wurde.

Auch die Pflege der Außenanlage gehörte zu unserem Aufgabenbereich. So stieg ich mitunter zur Ernte auf meterhohe Dattelpalmen, kämpfte mich durch dichte Mangoplantagen und verarbeitete frisch gepflückte Oliven. In meiner Zeit verwirklichten wir darüber hinaus noch unser Großprojekt – den Bau einer Minigolf-Anlage. An zwei Tagen der Woche arbeitete ich zusätzlich im Pilgerladen. Die Arbeit hier hat mir besonderen Spaß gemacht. Da Tabgha und der See Genezareth ein sehr beliebtes Ausflugsziel sind, kommen täglich viele Touristen, um die Brotvermehrungskirche zu besuchen. Oft schauen diese dabei auch im Laden vorbei. Während meiner Arbeit im Laden kam es daher häufig zu sehr interessanten Begegnungen. Eins wurde mir in Tabgha schnell klar: Es gibt immer viel zu tun und kein Tag gleicht dem anderen.

Neben diesen Aufgaben blieb jedoch auch viel Zeit, um in Kontakt mit den Gruppen zu kommen. Nicht selten traf man sich abends zu gemeinsamen Grillabenden, saß gemütlich am Lagerfeuer und tauschte sich gegenseitig aus.

Es waren genau diese Begegnungen und Gespräche mit den zahlreichen Gruppen und Gästen, aber auch das Leben in der Gemeinschaft, welche das Jahr zu einem unglaublich wertvollen gemacht haben. Lohnt es sich, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und sich auf einen Abstecher im Leben einzulassen? Diese Frage kann ich nur mit einem kräftigen Ja untermauern. Ich habe in diesem Jahr nicht nur neue Freunde kennengelernt, die Liebe zu diesem „verrückten“ Land entdeckt, sondern auch mein Ziel vor Augen zurückgewonnen. In diesem Sinne, Shalom oder Salam, wie man hier zu sagen pflegt.

Dominik Hille