Herbert Großarth, Jahrgang 1944, ist pensionierter Pfarrer aus Oberhausen. Im Juli war er wieder einmal in Kelzenberg zu Gast und beschäftigte sich in seiner Predigt mit dem Geheimnis, das unser Leben umgibt. Hier eine gekürzte Version zum Nachlesen.

Wir Menschen möchten so gern alles in den Griff kriegen, alles aufschlüsseln, analysieren und erklären können. Und weithin ist es uns ja auch gelungen. Das, was früher rätselhaft war, ist heute erklärt – und damit abgehakt, bekannt, aufgedeckt. Mehr und mehr Bereiche werden wissenschaftlich aufgeschlossen und verlieren ihre verzauberte Rätselhaftigkeit. Wir fassen alles in Formeln, Systeme, Begriffe: Wir entzaubern die Welt und hoffen, die Angst zu verlieren vor Kräften, Zuständen und Ereignissen, die wir nicht erklären können. Das Leben in den Griff kriegen, planen, voraussehen, beeinflussen, steuern, manipulieren – das machen wir zu unserer Aufgabe. So schön – so gut. Was wir wissenschaftlich entzaubert haben, davor brauchen wir keine Angst mehr zu haben. Wer wollte dagegen etwas sagen?

Aber – als Nebenprodukt – so unter der Hand, meist gar nicht gewollt, da passiert noch was anderes: Wir verlernen das Staunen, wir verlernen das Sich-Wundern. Vor lauter Nüchternheit erdrücken wir uns und andere. Der Zauber ist weg, die Faszination ist weg, das Fragen ist weg. Trotz aller Wissenschaftlichkeit, trotz allen Wissens und Könnens macht sich eine ungeheure Oberflächlichkeit breit – gerade weil man meint, alles aufschlüsseln, alles erklären, alles machen zu können. Wir sind dabei, das Staunen, das Sich-Wundern, das Danken zu verlieren. Und wer nicht mehr staunen kann, wer nicht mehr danken kann, der lebt nicht richtig. Er lebt – ja, aber an der Oberfläche, und das Leben wird kalt. Er lebt mit seinem Kopf, aber nicht mit seinem Herzen. Er lebt, aber er er-lebt nichts mehr.

Nur da, wo man noch staunen kann, erlebt man Überraschungen. Und nur da, wo man noch Überraschungen erlebt, kann man richtig, tief von Herzen danken. Mit dem Herzen lebt, wer um Geheimnisse weiß.

Ein Geheimnis – das ist etwas, was letztem Zugriff verborgen ist, was eben nicht zu analysieren, nicht zu erklären und nicht aufzuschlüsseln ist. Zugang zu einem Geheimnis bekommt man nur, wenn es sich uns erschließt. Zugang zu einem Geheimnis kann man nicht mit dem Kopf, sondern nur mit dem Herzen bekommen. Und doch wird man ein Geheimnis nie ganz aufschlüsseln, nie ganz erklären und analysieren können. Ein Geheimnis wird letztlich immer ein Geheimnis bleiben. Letztlich wird man vor einem Geheimnis nur staunend, betrachtend, fragend stehen können, sich von ihm ergreifen und faszinieren lassen und dann erleben, wie es sich mehr und mehr aufschließt und uns erfüllt. Nur: Es müssen uns die Augen geöffnet werden, die Augen des Herzens. Mit einem Geheimnis muss man behutsam, ja ehrfürchtig umgehen. Sonst zerbricht es, wird es zerstört. Ein Geheimnis ist nicht in den Griff zu kriegen; es kann nur beschrieben und bewundert werden.

Ich möchte Sie heute einladen, einige Geheimnisse zu entdecken, die Gott in diese Welt hinein gelegt hat. Vielleicht wird es geschehen, dass wir wieder neu zum Staunen und Danken kommen. Wer an Gottes Geheimnissen das Staunen wieder lernt, wird bereichert, wird behutsam, wird ehrfurchtsvoll.

Drei solcher Geheimnisse möchte ich Ihnen heute vor Ihre Augen malen. Geheimnisse, die man nie wird ganz aufschlüsseln können, Geheimnisse, an denen man das Staunen lernen kann.Geheimnisse, mit denen man behutsam, dankbar und ehrfürchtig umgehen wird, wenn man das Große, das Schöne, das Unerklärliche an ihnen entdeckt hat.

Das erste Geheimnis ist der Mensch, sind wir, ist jeder und jede von uns.
Jeder Mensch ist ein Geheimnis, jeder Mensch bleibt geheimnisvoll, selbst wenn man noch so viel von ihm weiß. Jeder Mensch ist etwas Großes, Schönes, Unerklärliches, Einmaliges.

Aus der Bibel lese ich heraus: Dem Geheimnis des Menschen werden wir durch alle wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimente, durch alle theoretischen Reflexionen nicht auf die Spur kommen. Das Geheimnis des Menschen entzieht sich letztem Zugriff. Die Bibel sagt nun, worin das Geheimnis gründet, warum das so ist: „Gott schuf den Menschen IHM zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf ER ihn.“ Das ist das Geheimnis eines jeden Menschen. „Zum Bilde Gottes geschaffen…“ – das macht den Menschen so wertvoll, so kostbar; das ist das Schöne, das Unerklärliche, das Besondere an ihm.

Darum ist jeder Mensch ein Geheimnis, mit dem wir nur behutsam, dankbar, ja ehrfürchtig umgehen können. Jeder Mensch ist ein Stück des Geheimnisses Gottes. In ihm liegen Gaben und Fähigkeiten Gottes: die Gabe der Kreativität zum Gestalten, die Gabe, Beziehungen einzugehen, die Gabe, zu planen, zu entscheiden, zu denken. Die Gabe, Verantwortung übernehmen zu können – für sich selbst, für andere. Jeder Mensch – ein Stück des Geheimnisses Gottes. Gott hat ihm die Ewigkeit ins Herz gegeben, sagt Gottes Wort im Prediger. Jeder Mensch – ein Ebenbild Gottes.

Aber hier regt sich Widerspruch. Stimmt das denn? Ebenbild Gottes? Ist dieses Ebenbild nicht zerstört, ist es nicht ein Zerrbild, eine Fratze geworden? Ebenbild Gottes? Ich? Sie? Die anderen? Genau – das stimmt! Das Ebenbild Gottes ist angekratzt, ist verdreckt, ist verzerrt, ist vielfach eine Fratze geworden. Unsere Sünde hat das Geheimnis zerstört – und doch, und doch: Gott hat sich nicht damit abgefunden! Er hat es wieder neu gemacht. Wir alle – und wären wir noch so verdreckt, verkehrt, verzerrt – wir alle sind weiter Gottes Hoffnung, Gottes Sehnsucht, Gottes großer Wunsch. Er wartet darauf, in unser Leben hinein zu kommen, unser Leben zu erneuern, zu durchstrahlen, zu durchwirken. Das ist das große Geheimnis, etwas, worüber ich nur staunen kann: Ich bin nicht das, was ich leisten, was ich aufweisen kann. Ich bin auch nicht das, was ich mir leisten kann. Ich bin nicht einmal das, was ich von mir denke oder was andere von mir halten. Ich bin Geliebter Gottes, Bruder, Schwester Jesu.

Das ist mein Wert, mein Geheimnis. Darüber kann ich nur staunen. Und das steht als Verheißung über jedem und jeder: Wir sollen Kinder Gottes sein. Gott will uns in Ewigkeit bei sich haben. Das ist unser Adel, unsere Auszeichnung, unser Wert. Das steht als unser Geheimnis, als Verheißung Gottes über uns.

Das zweite Geheimnis, vor dem man nur staunend stehen kann, ist das Wunder der Liebe.
Dass zwei Menschen sich einander anvertrauen und miteinander leben wollen, dass sie sich einander zuzumuten wagen – das entspricht zwar unserer Beobachtung, ist aber gar nicht so selbstverständlich. Es ist ein Wunder. Es ist ein Geheimnis.

Gottes Liebe lebt in Liebenden. Ob Menschen ahnen, was sie verspielen, wenn sie lieben und Gott nicht wollen? Ob junge Leute ahnen, um welche Erfahrung sie sich bringen, wenn sie Verliebt-Sein schon als Liebe interpretieren und nicht warten können? Ob sie ahnen, dass jedes Vorgreifen ein Vergreifen ist, ein Vergreifen an Gottes Geheimnis im anderen?

Wo man sich aneinander vergreift, wird Gottes Geheimnis zerstört, und darum wird so manche Liebe oberflächlich, eintönig und fad und schal, reine Bedürfnisbefriedigung. Und das ist mit ein Grund, warum so viele Beziehungen in die Brüche gehen: Man hat sich im Vorgreifen vergriffen an Gottes Geheimnis.

Und das dritte Geheimnis, das größte Geheimnis ist Jesus Christus selbst.
Jesus lässt sich nicht in Begriffe fassen; er hat sich allen Versuchen entzogen. Sein Geheimnis ist nicht aufzuschlüsseln. Man kann ihn höchstens beschreiben, seinen Weg nachzeichnen, seine Worte nachsprechen, sich seinem Anspruch stellen.

Aber: Zugang zu diesem Geheimnis kann man nicht mit dem Kopf, sondern nur mit dem Herzen bekommen. Wer sich mit Jesus beschäftigt, wer das Neue Testament liest, die Berichte von dem, was Jesus getan, geredet und bewirkt hat, wird anfangen zu staunen. Er wird beeindruckt sein von dem, was sich da auftut. Und wenn wir uns mit Jesus beschäftigen, dann werden wir erleben, dass er sich mit uns beschäftigt, dass er sich uns aufschließen will, Zugang geben zu seinem Geheimnis. Und das nicht nur in besonderen Augenblicken, in stimmungsvollen Höhepunkten, beim Praisen oder auf einer Freizeit. Er ist auch dann da, für dich da, wenn du down bist, ratlos, genervt, enttäuscht.

Um seine Nähe brauchen wir nicht zu betteln. Er ist uns nahe; wir stehen ihm nahe, und es geht ihm nahe, was wir erleben.

Das erleben wir aber nur, wenn wir ganze Sache machen wollen. Wenn wir uns Jesus aussetzen, uns auf ihn einlassen wollen. Nur dann wird sein Geheimnis uns in den Bann ziehen. Dann werden wir nicht nur staunen, sondern hingerissen sein, dann werden wir nicht nur von ihm hören, sondern mit ihm leben wollen. Und dann wird etwas in unser Leben hinein kommen, das wir vorher so nicht kannten: Faszination über Jesus, mehr noch: Liebe zu Jesus. Und dann werden wir die Erfahrung machen: Von Jesus strahlt etwas aus, strahlt etwas in unser Leben hinein, zündet etwas in uns an, das unser Leben reich macht.

Verstehen werde auch ich das nie, dass Gottes Liebe Opferliebe ist; verstehen werde ich das nie können, dass Gott sich in Jesus Christus für uns zu Tode liebt; verstehen werde ich das nie können, dass Jesus Christus mir seine Freundschaft anbietet, mich in Ewigkeit bei sich haben will und nicht irre wird an mir, obwohl ich ihn schon so oft enttäuscht habe. Verstehen, logisch begründen, beweisen kann ich das nicht. Aber danken für dieses Geheimnis – das kann ich.

Glücklich, die das Staunen wieder gelernt haben! Deren Leben wird reich.

Herbert Großarth