Ein großes Foto im „Stern“, ein paar Wochen ist es her: Zuerst sehe ich eine hügelige Landschaft aus Blechhütten, Müll überall, schmutziges Wasser auf dem Boden, Kinder, die dort Fußball spielen, provisorische Leitungen, Satellitenschüsseln – ein Slum, irgendwo in Lateinamerika. Ich frage mich: Wie kann man so leben?

Doch direkt dahinter noch etwas ganz Anderes: Eine hohe Böschung, darauf eine Mauer, da-rauf Stacheldraht und, man glaubt es kaum: Eine große Villa, fast eine Hauslandschaft, mit prächtigem Garten, mit Pool und Tennisplatz.

Mein erster Gedanke: Wie hält der Typ in seiner Villa das eigentlich aus? Wie kann man so leben – unmittelbar neben Menschen, die verzweifelt versuchen, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Das muss ihn doch verrückt machen! Aber ihn lässt das wohl kalt. Mauer und der Stacheldraht sprechen eine deutliche Sprache: „Die sollen bleiben, wo sie sind, ich werde bleiben, wo ich bin!“

Für Gott muss der Blick auf unsere Erde wie ein Blick auf einen Slum sein: Wie es hier zugeht, nein, das passt nicht zu ihm. Aber Gott lässt das nicht kalt, er hat das nicht ausgehalten. Gott schottet sich nicht ab und ist einfach Gott. Er kommt rüber, er zieht um in unseren Slum.

„Passion“ nennen wir das, Leidenschaft zu seinen oft hilflosen Menschen. Und diese Leidenschaft trägt einen Namen: Jesus Christus.

Paulus schreibt dazu mal: „Jesus hielt es nicht krampfhaft fest, als Gott in seiner Welt zu leben. Er verließ seine Villa und zog um in unseren Slum. Er lief herum wie alle anderen auch, man konnte ihn nicht mehr unterscheiden.“

Nein, Gott überlässt diese Welt nicht einfach sich selbst, Gott wartet nicht darauf, dass wir es besser machen, nein: Jesus Christus – Gott kommt rüber in unseren Slum.

Hier zeigt Gott, wer er ist und wie er ist. Hier liebt Gott leidenschaftlich. Hier leidet er unter den Verhältnissen dieser Welt, unter wütender Ablehnung und grinsender Gleichgültigkeit. Gott geht es an die Nieren, wenn Menschen vor die Hunde gehen. Und in Christus kann ich seine Leidenschaft zu mir „Slumbewohner“ erleben: Kein „Bleib mir vom Leib“, kein gutes Zureden aus der Villa rüber in meinen Slum: „Sieh zu, dass du dich da herausarbeitest“. Nein, er kommt hinein in unsre Welt mit allen ihren Schwächen. Denn unsre Welt ist seine „Passion“, seine Leidenschaft.

Wer immer noch meint, Gott throne wie ein Pascha über allem, der hat irgendein selbst gestricktes Bild von Gott. In Jesus Christus zeigt er uns deutlich seinen Charakter. Jedes Kreuz weist darauf hin: Gott „thront“ nicht, Gott liebt. Und diese leidenschaftliche Liebe ist auch in 2018 unterwegs; sie ist auf unserer Seite des Stacheldrahts zu erleben, in meiner Hütte.

Hört sich irgendwie schräg an und komisch? Ist es auch. Aber es ist die Wahrheit. Über Gott. In Jesus Christus.

Passionszeit 2018? Gott ist umgezogen, dahin, wo ich lebe. In Jesus Christus ist er leidenschaftlich unterwegs. Zu mir.

Bodo Beuscher