Gerd Heydn im Gespräch mit Charlotte Cieszinski

Sie betreiben eine Sportart für starke Frauen oder die Frauen stark machen soll – Kempo, eine Kampfsportart, die ihren Ursprung in China und Japan hat. Selbstverteidigung oder Ventil für Aggressionen?

„Ein Ventil gegen Aggressionen ist es für mich zu keiner Zeit gewesen. Meine Tochter wurde mit 15 in der Schule gemobbt. Da bin ich mit ihr zusammen einem Verein beigetreten, der Kempo angeboten hat. Ich mache das jetzt seit fünf Jahren, gehe zwei Mal wöchentlich zum Training. Ich habe gelernt, mich zu wehren – falls nötig. War es aber bislang noch nicht. Für mich dient Kempo der allgemeinen Fitness, schult Reflexe und Konzentration, leitet auch Meditation und Atemübungen an. Einmal im Jahr fahren wir vom Verein aus nach Fehmarn. Dort spüre ich die Energiefelder der Natur, Gottes wunderbare Schöpfung.“

Sie arbeiten heute als Postzustellerin. War das immer der Beruf, den Sie gerne ausüben wollten?

„Beileibe nicht. Ich wäre gerne Erzieherin für behinderte Kinder geworden. Meine Eltern hatten eine Kneipe betrieben. Da musste ich schon in jungen Jahren helfen, habe oft bis Mitternacht gearbeitet, bin morgens früh trotzdem zur Schule. Mit 17 kam es zum Bruch mit meinen Eltern. In dem Alter habe ich auch schon meinen Ex-Mann kennengelernt und dann dessen zwei Kinder groß gezogen. Nach einjähriger Unterbrechung wollte ich wieder zur Schule gehen, aber diesen Versuch hat meine Mutter vereitelt. Sie hat meine Darstellung, warum ich dem Schulbesuch ein Jahr lang fern geblieben war, gegenüber der Schule glattweg als Lüge dargestellt. Und man hat ihr mehr geglaubt als mir. Dadurch ist mir eine zweite Chance versagt geblieben. Mit 25 Jahren habe ich bei der Post angefangen, in der Zwischenzeit ein eigenes Kind bekommen. Mittlerweile arbeite ich seit 16 Jahren bei der Post.“

Das wirft kein gutes Licht auf Ihr Elternhaus…

„Meine Geschwister und ich hatten wahrlich kein gutes Elternhaus. Mein Vater hat uns geschlagen, aber noch schlimmer war: Meine Mutter hat gegenüber uns Kindern regelrechten Psychoterror ausgeübt. Mit vier Jahren stand ich mit gepacktem Köfferchen in der Tür und wollte von zu Hause weglaufen, weil ‚hier hat mich ja niemand lieb!‘ Mit acht Jahren wollte ich dann mit einem Klassenkameraden zusammen abhauen. Aus Angst vor meinem Vater, so eine Art Bud-Spencer-Typ, habe ich es letztlich nicht getan. Aus dem gleichen Grund haben wir Kinder auch nie einen Versuch unternommen, beim Jugendamt Hilfe zu suchen. Ich kam letztlich zu dem Schluss, dass es anderen Kindern noch schlechter ging als uns. Und mein Ex-Mann hat als Kind in seinem Elternhaus ähnliche Erfahrungen machen müssen wie ich. Die Spirale drehte sich weiter und wir haben die gleichen Fehler an seine Kinder weitergegeben. Ich bin mit 23 Jahren gemeinsam mit meinen Stiefkindern zur Therapie gegangen. Mir war durchaus bewusst, dass ich die gleichen Fehler machte wie meine Eltern früher bei mir.“

Und, haben Sie diesen Kreislauf doch noch durchbrechen können?

„Die Therapie hat nichts gebracht. Mein Ex-Mann war ohnehin der Meinung, alles richtig zu machen und hat die Therapeuten als ‚Götter in Weiß‘ abgetan. Ich hatte mir schon mit 19 Fachliteratur für Kindererziehung geholt. Auf der anderen Seite hatte ich längst gemerkt, dass meine Ehe nicht hält, bin aber wegen der Kinder geblieben. Deren leibliche Mutter hatte sich ja schon nicht für sie interessiert. Mit 29 habe ich dann allerdings doch die Reißleine in meiner Ehe gezogen und bin mit meiner leiblichen Tochter in eine eigene Wohnung nach Otzenrath gezogen.“

Gott kam bis dahin in Ihrem Leben überhaupt nicht vor?

„In der Grundschule hatte ich eine tolle Religionslehrerin. Die hat tatsächlich einen ersten Funken bei mir ausgelöst. Aber dieses zarte Flämmchen ist zu Hause durch meine Eltern direkt wieder im Keim erstickt worden. Dabei wollte ich eigentlich schon länger wissen, was in der Bibel steht. Stimmt das alles so. Mit meinem Arbeitskollegen Achim Weschkalnies habe ich erste Gespräche zum Glauben auf unserer gemeinsamen Arbeitsstelle bei der Post geführt. Er hat mir auch meine erste Bibel geschenkt. Doch ich habe erst fast nichts verstanden. Achim hat mich dann zu regelrechten Bibelstunden zu sich nach Hause eingeladen; später haben wir das bei Ulrike und Gerd Reschke fortgesetzt. Wir haben uns regelmäßig einmal die Woche getroffen. Bei Gerd Reschke bin ich heute im Hauskreis. Die Drei haben mir über zehn Jahre in meinem Glaubensprozess wesentlich geholfen. Ich begann, täglich abends die Bibel zu lesen. Inzwischen habe ich sie einmal komplett durch.“

Gibt es bestimmte Fragen in Ihrem Glaubensprozess?

„Ja. Bei mir bildet die Schuldfrage in meinem bisherigen Leben ein besonderes Thema. Ich konnte bislang nicht verzeihen. Aber ich habe gelernt, diese Schuldfrage an Gott abzugeben. Und ich fühle im Augenblick, dass ich vielleicht doch noch verzeihen kann. Das ist wohl ein laufender Prozess in mir. Dafür muss ich die Bibel wohl noch viel öfter lesen. Heute lese ich bestimmte Passagen anders als gestern. Ich bin heute jedenfalls sicher, dass Gott in meinem Leben alles so geplant hat. Ich weiß nicht, für was bestimmte Lebenssituationen gut waren. Vielleicht wird es mich Gott eines Tages wissen lassen – vielleicht aber auch nicht.“

Ihr Sprung in die Gemeinde Kelzenberg?

„Ich hatte durch Reschkes von Kelzenberg gehört. Als Gerd Reschke zum ersten Mal im Gottesdienst gepredigt hat, war ich auch erstmalig in Kelzenberg. Ulrike hat mich dann zum Glaubenskurs 2016 überredet. Mittlerweile fühle ich mich in den Gottesdiensten regelmäßig ‚abgeholt‘. Abendmahl im Gottesdienst ist für mich immer etwas ganz Besonderes. Beim ersten Mal war ich emotional so ergriffen, so berührt, dass ich weinen musste. Passiert mir immer wieder, zuweilen auch bei Liedern.“

Ihr aktueller Glaubensstatus?

„Ich weiß heute, dass mir Gott Menschen in den Weg gestellt hat, die die Reißleine für mich gezogen haben. Ich spüre heute deutlich, dass Gott bei mir ist. Ich glaube, ich bin dankbarer und demütiger geworden. Es wird sicherlich auch einen Grund dafür geben, dass mich Gott ausgerechnet nach Kelzenberg geschickt hat. Wenn ich sonntags mal nicht zum Gottesdienst kann, dann fehlt mir etwas.“