In der Bibel werden viele Lebensgeschichten erzählt. Darunter befinden sich auch immer wieder Frauen, die sich aufgrund ihres starken Vertrauens auszeichnen.

Stärke ist im Sinne der Bibel nicht die Fähigkeit, Macht auszuüben, indem jemand anderen Menschen seinen Willen aufzwingt. Es geht um das Vermögen, im Vertrauen auf Gott beständig zu bleiben und zwar angesichts der vielfältigen Situationen und Herausforderungen, die Gottes Präsenz und Autorität immer wieder in Frage stellen.

In der sehr frühen Geschichte des Volkes Israel begegnen wir einer Frau, die sich durch sehr klare Gedanken und Weitblick auszeichnet. Sie war eine Prostituierte mit dem Namen Rahab und wohnte in Jericho. 

Das Volk der Israeliten war 40 Jahre vorher aus Ägypten geflohen, wo sie als Sklaven unterdrückt worden waren. Gott rettete sie aus der militärischen Überlegenheit der Ägypter und führte sie durch die Wüste der Sinai-Halbinsel. Es folgte eine abwechslungsreiche Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen, die gekennzeichnet war von Versagen, Unmut und Auflehnung gegen die göttliche Führung. Aber immer wieder war Gottes Handeln, Seine Versorgung und Sein Schutz deutlich sichtbar. 

Das Ziel, welches Gott von Anfang an mit diesem Volk hatte, war, sie nach Kanaan zu führen. Sie sollten sich dort ansiedeln und im fruchtbaren Land im Überfluss leben. 

Aufgrund der Widerspenstigkeit des Volkes und ihrer Unfähigkeit, sich auf Gott zu verlassen, dauerte die Wanderung deutlich länger, als nötig gewesen wäre. Dann, am Ende der langen Wanderung durch die Wüste, starb der von Gott berufene Führer des Volkes, Mose. Er verfügte vor seinem Tod, dass sein Gehilfe Josua der Nachfolger sein sollte. Er sollte das Volk ins Land hinein führen. Das war natürlich eine militärische Operation, weil in Kanaan verschiedene Volksgruppen lebten. Die erste Stadt in Kanaan, die sie auf Gottes Anordnung erobern sollten, war Jericho. Das war eine alte, sehr gut befestigte Stadt. Ihre Mauern waren so dick, das teilweise Wohnhäuser auf ihr Platz fanden. Um die militärische Stärke dieser Stadt in Erfahrung zu bringen, schickte Josua zwei Spione dorthin. Da Jericho an einer Handelsroute lag, gehörte Fremdenverkehr zum städtischen Alltag und die beiden Spione konnten sich in der Stadt frei bewegen. Gegen Abend suchten sie eine Möglichkeit zum Übernachten und kamen ins Haus der Hure Rahab. Nun hatte allerdings der König von Jericho inzwischen gemeldet bekommen, dass israelische Spione in der Stadt unterwegs wären. Daher schickte er einen Trupp Soldaten los, um sie zu fangen. Bei ihrer Suche kamen die Soldaten auch in Rahabs Haus und fragten sie aus. Rahab hatte die beiden Spione auf dem Dach ihres Hauses unter Bergen von Flachsbündeln versteckt und sagte den Soldaten, dass zwar zwei Männer bei ihr gewesen wären, aber inzwischen wieder das Haus verlassen hätten. Sie hätten zum Jordan gewollt, um dort an der Furt auf die andere Seite zu wechseln. Wenn sie sich beeilen würden, könnten sie sie noch einholen. Nachdem die Soldaten gegangen waren ging Rahab aufs Dach, um sich mit den beiden Männern zu unterhalten. Was sie ihnen dort erzählt, gehört zu den stärksten Glaubensbekenntnissen, die wir im Alten Testament finden. Ich zitiere abschnittweise aus Josua 2: „Ich weiß, dass der HERR eurem Volk dieses Land geben wird. Wir haben große Angst. Jeder hier zittert vor euch.“  

Es ist schon sehr erstaunlich: während der langen Jahre in der Wüste hat das Volk Gottes immer wieder daran gezweifelt, ob Gottes Macht denn ausreichen könnte, sie zu versorgen. Und hier ist eine heidnische Frau, die fest davon überzeugt ist, dass Gott Seine Pläne zum Ziel bringen wird! Und obwohl alle in Angst und Schrecken vor der drohenden Invasion sind, hat sie offensichtlich ihr Herz darauf gerichtet, sich an die Güte und Barmherzigkeit dieses gewaltigen Gottes zu klammern.

„Wir haben gehört, dass der HERR euch einen Weg durch das Schilfmeer gebahnt hat, als ihr aus Ägypten gekommen seid. Wir wissen auch, was ihr mit den Amoritern und ihren Königen Sihon und Og auf der anderen Jordanseite gemacht habt: Ihr habt sie völlig vernichtet. Als wir das hörten, waren wir vor Angst wie gelähmt. Jeder von uns hat den Mut verloren.“ 

Alle Geschichten, in denen von Gottes Führung erzählt wird, tragen das Potenzial in sich, das Vertrauen auf Gott hervorzubringen, zu vertiefen und zu befestigen. Es ist wiederum bemerkenswert, dass die gleichen Geschichten, die bei allen anderen Angst und Schrecken verursacht haben, bei Rahab den Glauben ermöglichten!

„Der HERR, euer Gott, ist der wahre Gott oben im Himmel und hier unten auf der Erde. Deshalb flehe ich euch an: Schwört mir jetzt beim HERRN, dass ihr meine Familie und mich verschont, denn ich habe auch euch das Leben gerettet. Bitte gebt mir einen Beweis dafür, dass ich euch vertrauen kann. Lasst meine Eltern und Geschwister und alle ihre Angehörigen am Leben. Rettet uns vor dem Tod!“

Während Rahab deutlich sieht, dass es zum Untergang kommt, setzt sie alles auf eine Karte und richtet sich ganz darauf aus, durch Gottes Güte gerettet zu werden. Und zwar nicht nur sie selbst, sondern auch ihre ganze Familie und alle Angehörigen! Für diesen Glauben war sie bereit, sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wenn nämlich die Soldaten des Königs von Jericho die Spione in ihrem Haus entdeckt hätten, wäre sie mit größter Wahrscheinlichkeit wegen Hochverrat zum Tod verurteilt worden. Aber offensichtlich war ihr Vertrauen für Gott so kostbar, dass Er Seine Hand über ihrem Leben und dem der ganzen Familie hielt. 

Das Haus von Rahab stand auf der Stadtmauer und in der Nacht ließ sie die beiden Spione mit einem Strick durch das Fenster nach aussen herabklettern. Sie versteckten sich noch für drei Tage in den Bergen und kehrten dann ins Lager der Israeliten zurück. Als Josua mit seinem Heer die Stadt erobern wollte, wurden die Stadtmauern wie durch ein Wunder zerstört, indem sie zusammenfielen. Nur das Mauerstück, wo Rahabs Haus stand, blieb stehen. Sie wurde mit ihrer ganzen Familie gerettet und gehörte von da an zum Volk Gottes.                           

Gerd Reschke