Charles Rodrigo Hackbarth im Gespräch mit Gerd Heydn

Herzlich willkommen in der Gemeinde Kelzenberg! Wir freuen uns auf einen neuen ‚Gemeindebauer‘, der die Zukunft in und für Kelzenberg mitgestalten will. Wie und wann treten Sie Ihren ‚Dienst‘ in Kelzenberg an?‘

„Ich freue mich auf meine neue Aufgabe in Kelzenberg. Mein Studium im Johanneum endet mit einem Anerkennungsjahr, das mit dem 1. August anläuft. Schwerpunkt meiner Arbeit in Kelzenberg wird zum einen die Jugend- und Konfirmandenarbeit sein. In diesem Sinne begleite ich auch direkt die diesjährige Jugendfreizeit Mitte August nach Norwegen. Aber ich brauche Gemeinde-Vielfalt und -Leben und werde da mitgestalten: Gottesdienste, Presbyterium, Hauskreise, Schulgottesdienste… Das ist auch der Wunsch des Presbyteriums.“

Ihre Frau Valerie ist Sozialpädagogin. Wie hat der Brasilianer mit deutschen Wurzeln seine deutsche Frau kennen gelernt? In Deutschland oder Brasilien?

„Valerie ist 2008 für ein freiwilliges soziales Jahr in meine Heimatgemeinde nach Brasilien gekommen. 2010 hat sie noch einmal ein Jahr bei uns verbracht, um ein Studienjahr an einer Bibelschule, ähnlich dem Johanneum in Wuppertal, zu absolvieren. Am 4. Februar 2011 haben wir in Brasilien standesamtlich geheiratet, am 10. Februar 2011 sind wir nach Deutschland geflogen, und am 19. Februar 2011 haben wir in Hammersbach bei Hanau, der Heimat meiner Frau, kirchlich geheiratet.“ 

Karriere-Sprung, Karriere-Knick oder einfach der Sprung in die Arme Gottes. Wie würden Sie ihren sprunghaften Wechsel von Betriebswirtschaft in den theologischen Bereich in Ihrer beruflichen Ausrichtung beschreiben?

„Das Betriebswirtschaftsstudium war zwar mein Ziel, um das Unternehmen meiner Mutter einmal zu übernehmen. Aber es war nie mein Herzenswunsch. Nach der Heirat mit Valerie habe ich mein Studium an der FH in Frankfurt fortgesetzt, weil mein brasilianischer Abschluss in Deutschland nicht voll anerkannt wurde. Ich hatte mich schon bei etlichen Unternehmen in Deutschland beworben. Im Urlaub 2014 in Brasilien standen aber auch immer noch unsere Überlegungen, 2015 nach Brasilien zurückzukehren und die Firma meiner Mutter zu übernehmen. Wir waren überzeugt, dass Gott uns schon zeigen wird, ob das der richtige Weg ist. Er war es nicht, wie sich bald im Gespräch mit meiner Mutter herausstellte. Unsere Vorstellungen von der Firmenführung stimmten einfach nicht überein.“

Das war Ihr Abschied von der Geschäfts-Welt. Aber was hat Sie letztlich in die Arme Gottes getrieben?

„Eine verrückte Geschichte mit einer Brasilianerin in Deutschland, die kein Wort deutsch sprach, aber Menschen in Deutschland missio-

nieren wollte. Das einzige Wort, das für einen Menschen ohne portugiesische Sprachkenntnisse verständlich war – das war Jesus. Aber wie. Aus dem Mund dieser Frau, dieser verrückten Frau, sprach pure Jesus-Liebe. Jesus hat dich lieb! Für mich hat Gott durch diese Frau ganz klar den Brief geschickt, auf den ich im Grunde seit zehn Jahren gewartet hatte: Gott will, dass wir, Valerie und ich, hauptamtlich in den Dienst für Gott treten! Das war im April 2015, und es hatte uns wie der Blitz getroffen.“

Sie waren aber doch schon in Ihrer brasilianischen Heimat gläubiger Christ…

„Ja. Jeder Brasilianer glaubt an Gott, aber nur wenige haben eine Beziehung zu Gott. In meiner Kindheit und Jugend hat meine Oma eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Sie hat aufgrund des starken beruflichen Engagements meiner Mutter die Rolle der Mutter und Erzieherin für mich übernommen, mir zur Konfirmation auch die erste Bibel geschenkt. Ich habe mich auch stark in unserer Gemeinde eingebracht, in der Jugendarbeit mitgemacht, im Kirchenchor und in der Band. Als ich 16 Jahre alt war, hat Jesus mich zum Glauben berufen. Seitdem lebe ich mit Jesus.“

Und was hat Ihre Mutter zu Ihrer beruflichen Kehrtwende gesagt…?

„Meine Mutter war in der Tat noch eine echte Hürde für mich. Ich dachte, wenn ich ihr sagen würde, ich will lieber Arzt werden oder Anwalt oder in der Landwirtschaft mein Lebensglück suchen – ich liebe nämlich Hühner –, das würde sie ja noch verstehen. Als ich ihr dann über tausende Kilometer meinen Entschluss am Telefon mitteilte, hörte ich erst betretenes Schweigen und dann leises Weinen. Und dann sagte sie: ‚Ich bin stolz, dass Du das machst!‘ Für mich bedeuteten diese Worte den endgültigen Absprung hin in den hauptamtlichen Dienst.“

Was hat sich denn für Sie in Ihrem Leben geändert?

„Als ich endlich Gottes Berufung in den hauptamtlichen Dienst verstehen und akzeptieren konnte, hat sich einiges verändert. Ich habe das Gefühl, dass er gerne mit mir unterwegs ist, dass er mich gerne mal überrascht und noch lange nicht fertig mit mir ist. Ich glaube, dass jeder einzelne Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. Aber nicht jeder weiß es. Darüber will ich die Menschen informieren. Das ist Evangelisation. Und in Kelzenberg ist jeder Gottesdienst Evangelisation.“ 

Wie sind Sie denn überhaupt auf Ihrem Ausbildungsweg für den hauptamtlichen Dienst ausgerechnet auf Kelzenberg gekommen?

„Durch den ehemaligen Jugendreferenten in unserer damaligen Gemeinde Nidderau bei Hanau bin ich auf das Johanneum in Wuppertal aufmerksam gemacht worden, habe dort ab September 2015 ein dreijähriges Studium begonnen, das jetzt mit dem sogenannten Anerkennungsjahr abgeschlossen wird. Im Rahmen des Studiums waren wir Anfang Februar dieses Jahres mit 15 Leuten während unserer Hospitationswoche in Kelzenberg. Gabi Beuscher hat die Arbeit in Kelzenberg vorgestellt und dabei in einem Nebensatz erwähnt, dass sie und ihr Mann in absehbarer Zeit in Rente gehen werden. Da habe ich spontan in den Raum geworfen: ‘Wo kann ich mich bewerben?‘. 

Wodurch fühlten Sie sich denn zu dieser spontanen Willensäußerung getrieben?

„Mich hat fasziniert, wie Gabi und Bodo Beuscher von ihrem Glauben sprachen. Ich denke, wenn ich mit 62 Jahren noch diese Freude und diese Leidenschaft an der Verkündigung mitbringe – dann habe ich es geschafft.“

Gerd Heydn