Gerd Heydn im Gespräch mit Alexandra Habbig

Zurück zu den Wurzeln. Nach 21 Jahren sind Sie mit Ihren Kindern aus Malaysia in Ihre alte Heimat zurückgekehrt. Was hat Sie dazu bewogen?

„Die Gründe für die Heimkehr nach Deutschland und auch der Zeitpunkt hängen tatsächlich unmittelbar mit den Bedürfnissen unserer Kinder zusammen, da wir nach all den Jahren nicht wirklich Fuß fassen konnten in Malaysia als Heimat. Wir sind trotz aller Liebenswürdigkeit der Menschen und ihrer Willkommenskultur immer Ausländer und außen vor in der eigentlichen Gesellschaft Malaysias geblieben. Eigene Ansichten, vielleicht sogar Kritik an Land und Leuten sind von Außenstehenden nicht erwünscht. Hinzu kamen Vorurteile gegenüber den Kindern als Adoptierte. Derartige Vorurteile sind schwerwiegender als hier in Deutschland. Außerdem sind unsere Kinder als Ausländer mit internationalen Kontakten durch Schule oder Freunde größtenteils Fremde im ‚eigenen‘ Land geblieben. Da haben wir uns entschieden, in Deutschland sesshaft zu werden, solange es für uns noch machbar ist. Ich selbst war einfach auch Malaysia-müde, wollte dort nicht sterben. Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr auch mit der Rückkehr meines Mannes klappt.“

Sie haben vier Kinder in Malaysia adoptiert…

„Ja, alle vier Kinder haben wir unmittelbar nach deren Geburt adoptiert. Alle vier haben ethnische indische beziehungsweise chinesisch-indische Wurzeln mit zunächst malaysischer Staatsangehörigkeit, nach Adoption deutsche. Lucas ist jetzt 21, Laura 20, Hannah 17 und Elisa 12. Die beiden Jüngsten gehen jetzt hier in Hochneukirch und Rheydt zur Schule. Schon als ich 16 war, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, dass es auf der Welt so viele Kinder ohne Eltern gibt. Also warum noch mehr Kinder in die Welt setzen…? Allerdings wollte ich später genau das. Gott hatte jedoch andere Pläne. Auf der beruflichen Zwischenstation meines Mannes in Nürnberg hatten wir einen ersten vergeblichen Antrag auf Adoption eines Kindes gestellt.“

Sie selbst haben auch eine bewegte Kindheit und Jugend hinter sich. War Ihr Glaube in  jener Zeit noch auf „Tauchstation“?  

„Meine Eltern  waren nicht religiös, keine Kirchgänger. Ich fühlte mich zuhause nicht verstanden, konnte mit meinen Eltern nicht über den Glauben sprechen. Zwischen meinem zwölften und 25. Lebensjahr habe ich permanent unter Essstörungen gelitten, zunächst unter Anorexie, Appetitmangel, und später Bulimie. Durch die Essstörungen war ich ein körperliches Wrack. In der Schule bin ich als Kind gemobbt worden, habe die Schule schließlich in der zehnten Klasse auf dem Gymnasium abgebrochen. In der Pubertät bin ich in die esoterische Ecke abgerutscht. Neben den Essstörungen kamen Albträume und Psychosen dazu. Ich war damals wirklich ziemlich durch den Wind und kaputt. Aber auch in meinen Albträumen habe ich zu Gott gebetet: Hilf mir! Ich habe immer geglaubt, da ist jemand.“

Aber trotzdem sind Sie nach Ihrer Hochzeit gemeinsam mit Ihrem Mann aus der Kirche ausgetreten. Warum? Und wie wurde der Umschwung in Ihrem Leben eingeleitet?

„Das waren – dumme – steuerliche Gründe. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt keine Ahnung von der Bibel, nur meinen kindlichen Glauben. Den Umschwung brachten Zeugen Jehovas, die 1991 in München eines Tages vor meiner Tür standen. Ich fühlte mich damals in München sehr isoliert, litt immer noch unter den Essstörungen, brauchte Menschen zum Sprechen. Die Zeugen Jehovas waren die ersten, die mir klar gemacht haben, was wirklich wichtig ist für unser Leben. Sie haben mir gesagt: ‚Du musst die Bibel lesen. Das ist Gottes Wort, da wirst du alles finden.‘ Und dann habe ich tatsächlich angefangen, die Bibel zu lesen. Bis heute habe ich es geschafft, die Bibel dreimal komplett zu lesen, Altes wie Neues Testament, komplett von vorne bis hinten. Und dann passierte es während des Bibellesens – eine Stimme sagte mir: ‘Es ist vorbei, du musst es nicht mehr tun.‘ Ich habe gedacht, das kann gar nicht sein. Aber es war vorbei mit meiner Essstörung.  Vom Tag an habe ich mich nicht mehr übergeben müssen. Trotzdem bin ich nicht den Zeugen Jehovas beigetreten. Mit ihrer Endzeit-Theorie konnte ich mich nicht anfreunden. Außerdem hätte ich das Rauchen aufgeben müssen.“

Und das ist Ihnen zu schwer gefallen?

„Ja, damals schon. Mein Mann und ich, wir waren beide sehr abhängig vom Rauchen. Davon sind wir erst in Malaysia nach vielen vergeblichen Versuchen losgekommen. Wir haben eines Abends auf dem Bett gesessen, uns an den Händen gehalten, und mein Mann hat gebetet: ‚Hier sind wir Vater vor Dir, hilf uns, Vater, befreie uns vom Rauchen. Nach diesem Gebet haben wir nicht mehr geraucht. Ich empfand das wie ein Wunder.“

Wie konnten Sie denn Ihren neu gewonnenen Glauben in Malaysia pflegen?

„Zwei Jahre nach unserem Umzug nach Kuala Lumpur haben wir 1996 Kontakt zu einer traditionellen amerikanischen Kirche bekommen. Die Frau des Pastors lud uns in ihre Gemeinde und gezielt in ihren Chor ein. Ich ging in einen Hauskreis nur für Frauen, lernte gemeinsam zu beten und mein Leben bewusst an Jesus abzugeben. Ich wusste bis zu jenem Tag gar nicht, dass man das kann. Eine Filipina in diesem Hauskreis hat mich regelrecht aufgeweckt. Diese Frau stand für meinen Wendepunkt im Leben. Mit dieser Frau habe ich auch für ein Kind gebetet. Ein halbes Jahr später erhielt ich den Anruf, dass ein neugeborenes Kind zur Adoption freigegeben worden ist. 1996 sind wir der amerikanischen St. Andrews Kirche beigetreten, 1998 habe ich mich mit 34 Jahren in einer internationalen Kirche noch einmal als Christin taufen lassen.“

Und jetzt schließt sich der Kreis für Sie in Kelzenberg?

„Ich hoffe es. Wenn es meinem Mann gelingt, sein berufliches Engagement in Malaysia zu lösen, wollen wir nächstes Jahr beide der Gemeinde in Kelzenberg beitreten. Falls nicht, kommt für mich und die Kinder ein erneuter Umzug nach Malaysia in Betracht. Zwei Haushalte in Odenkirchen und Kuala Lumpur – Tochter Laura studiert außerdem in London – würden bedeuten: Unsere finanzielle Rechnung geht auf Dauer nicht auf. Ende 2015 bin ich erstmals zum Gottesdienst nach Kelzenberg  gekommen und habe mich ziemlich unmittelbar danach einem Hauskreis angeschlossen. Dieses Jahr nehme ich außerdem am Glaubenskurs teil. Hier in Kelzenberg finde ich mich wieder und erkenne, mein Leben war und ist eine einzige Inszenierung von oben.“